Ein Attentat auf Erich Honecker mit politischem Hintergrund – für die DDR-Bürger scheint das unvorstellbar.

Ungläubig vernahm man in der DDR, was westliche Rundfunksender am Dienstagmorgen nach Information durch den stern meldeten: Es habe den Versuch eines Attentats auf Staatschef Erich Honecker gegeben. Ungläubig, weil es so etwas in der DDR noch nie gegeben hat, weil man es einfach nicht für möglich hielt.

Ein Ofensetzer, so hieß es, sei es gewesen. Er habe seine Öfen bei Mitarbeitern von Honecker gesetzt und sich über den üppigen Lebensstil der hohen Genossen geärgert. In Klosterfelde, einem kleinen Straßendorf 15 Kilometer nördlich von Berlin, habe er am Silvestertag versucht, sich in Honeckers Autokolonne zu drängen, die auf dem Weg in die Schorfheide gewesen sein soll. Ein Sicherheitsbeamter, der ihn hatte stellen wollen, sei von ihm schwer verwundet worden, danach habe der Attentäter sich selbst durch Schüsse in den Kopf selbst getötet.

Zunächst wurde über das Motiv gestaunt: Ein Handwerker, der sich über das Wohlleben anderer aufregt! Egal, ob ein Handwerker einen privaten Betrieb hat, mit staatlicher Beteiligung arbeitet oder in einer staatlichen Produktionsgemeinschaft – jeder in der DDR weiß, daß es Handwerkern nicht schlecht geht. Ein Ofensetzer, der im Umkreis von Berlin seine Öfen setzt, wo die Privilegierten ihre Datschen haben, hat es sogar besser als sein Kollege in der Provinz, verdient mehr, kann jedes Wochenende, an dem er Lust hat, dazuverdienen.

Außerdem: Wenn ihn das gute Leben seiner Auftraggeber wirklich so empört hat, warum hat er dann nicht einen Sprengsatz in einem der Öfen montiert, fragte man sich. Das hätte immerhin mehr Aussicht auf Erfolg gehabt als ein Attentat auf offener Straße. Woher hatte der Mann die Pistole? Und warum denn ausgerechnet Honecker? Da gäbe es doch ganz andere ...

Also wurde ziemlich schnell befunden, daß das Ganze, wenn es denn stimme, nur die Tat eines einzelnen sein könne, eines Geistesgestörten vermutlich, bestimmt nicht der Anschlag einer politischen Gruppe, die den Aufstand probt. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN beeilte sich denn auch, noch am selben Tag zu dementieren. Immerhin blieb von der Meldung so viel übrig, daß es in Klosterfelde zu einer "Verkehrsgefährdung" durch einen Mann unter Alkoholeinfluß gekommen war. Er habe sich nur mit Mühe von der Verkehrspolizei stellen lassen, habe einen Verkehrspolizisten dabei mit einer "Handfeuerwaffe" verletzt und sich danach mit derselben selbst getötet. Sein Alkoholgehalt im Blut habe 2,5 Promille betragen.

Wo SED-Chef Erich Honecker sich zur Zeit der Klosterfelder Ereignisse aufgehalten hatte, wurde von der Nachrichtenagentur nicht verraten.

Marlies Menge (Ost-Berlin)