Von Heinz Günter Kemmer

Nestbeschmutzung – das muß man ihnen lassen – haben die deutschen Stahlbosse nicht betrieben. So sehr sie über die Subventionierung ihrer europäischen Konkurrenten klagten, so wenig maulten sie über die Hilfen, die Bund und Saarland der Arbed Saarstahl GmbH zukommen ließen. Und inzwischen gewinnen sie der Saar-Hilfe sogar einen gewissen Charme ab, sehen sie in ihr doch den Präzedenzfall für eigene Wünsche.

So ließ Alfons Gödde, Vorstandsvorsitzender der Krupp Stahl AG, Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff in gleichlautenden Fernschreiben wissen: "Wir fordern Sie dringend auf, auch der Krupp Stahl AG im Sinne einer uns zustehenden Gleichbehandlung Zuschüsse und Bürgschaften in einem unserer Größe entsprechenden Umfang zur Verfügung zu stellen, um damit einen Beitrag zur Sicherung der Arbeitsplätze auch an der Ruhr zu leisten."

Gödde bezifferte seine Forderung nicht, aber er muß wohl an mehr als zwei Milliarden Mark gedacht haben. Denn zuvor hatte er darauf hingewiesen, daß an Saarstahl nach "uns zugänglichen Informationen insgesamt zwei Milliarden Mark an Zahlungen und Bürgschaften aus öffentlichen Haushalten geleistet wurden und dies an eine Gesellschaft, die an Belegschaftsmitgliedern und Erzeugung deutlich kleiner ist als jedes einzelne Stahlunternehmen an der Ruhr".

Der Stahlindustrielle Willy Korf ging noch einen Schritt weiter als Gödde. Er drohte der Bundesregierung eine Klage für den Fall an, daß sie seinem Unternehmen nicht genauso helfe wie der Arbed Saarstahl. Bonn ließ sich freilich nicht beeindrucken. Korf mußte vielmehr in der vergangenen Woche Vergleich anmelden – die Stahlkrise forderte ihr erstes Opfer. Einzige Reaktion aus Bonn: Bedauern über die Schwierigkeiten "dieser dynamischen Unternehmensgruppe Das Opfer selbst kommentierte mit Galgenhumor: "Die erste Kuh der deutschen Stahlindustrie ist geschlachtet."

Das gestand Korf freilich erst am vergangenen Freitag ein. Am Dienstag verbreitete er noch Zuversicht: "Das die Zukunft sichernde Konzept", so hieß es in einer Presseerklärung, "wird aller Voraussicht nach Mitte nächster Woche vorliegen und wird die Entscheidungsträger, Bundesregierung und Moderatoren befassen." Korf wollte nicht wahrhaben, daß er kurz vor dem Abschluß der entscheidenden Gespräche über eine Neuordnung der deutschen Stahlindustrie auf der Strecke bleiben würde. Wenigstens bis zur Vorlage des Plans der "Moderatoren", so hoffte er wohl, werde man ihn am Leben erhalten.

Aber die Banken, bei denen Korf mit rund einer halben Milliarde Mark in der Kreide steht, mochten keine Liquiditätshilfe mehr geben. Sie drehten den Hahn zu und zwangen Korf für seine Holding-Gesellschaft Korf Industrie und Handel Vergleichsantrag zu stellen. Bonn wollte ihn davor nicht bewahren. "Obwohl Ansätze einer neuen Gruppen-Unternehmens-Konzeption dargestellt werden können, hat sich die Bundesregierung bisher einer Hilfestellung versagt, auf welche die Korf-Gruppe nach dem Gleichheitsprinzip Anspruch hat"‚ klagte Korf.