Es gibt den heiligen Zauber, es gibt den faulen Zauber, und es gibt den Zwitter aus beidem: das Theater.

Ein Zauberer von der heiligen Art ist jener hochberühmte Herr Sarastro, der, von würdigen Männern und Frauen umgeben, durch seine heil’gen Hallen schreitet, die Rache nicht kennt, die Menschenliebe übt und predigt – und nur ganz nebenbei seinen Negersklaven verprügeln läßt.

Ums Haar wäre Sarastro ein Schuft und Scharlatan geworden; doch dann hat es Mozart und seinen Librettisten gefallen, der Königin der Nacht die Rolle des bösen Dämons zu geben, Herrn Sarastro zum Halbgott zu erhöhen. Vielleicht müßten wir trotzdem über ihn lachen, über seine fragwürdigen Zaubertricks, seine weisen hohlen Sprüche, machte ihn nicht Mozarts Musik unangreifbar, ja unsterblich.

Sarastro betrat das Theater am 30. September 1791. Mozart hat die Uraufführung, hat den Erfolg seiner letzten Oper nur um wenige Wochen überlebt.

Ein Zauberer von der faulen Art, und doch Sarastros Zeitgenosse und Bruder, ist Herr Cagliostro. Er hat in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in den letzten Jahren der alten Welt, die Länder und Fürstenhöfe Europas bereist, hat den gelangweilten hohen Herrschaften von Schwarzer Magie und indischer Weisheit erzählt – ein Star unter den zahllosen Hochstaplern, Glücksrittern seiner Epoche.

Auch Cagliostro kam auf das Theater. Am 17. Dezember 1791, wenige Wochen nach der Uraufführung der "Zauberflöte", wenige Tage nach Mozarts Tod, wurde in Weimar Goethes Lustspiel "Der Groß-Cophta" uraufgeführt. Goethe, Freimaurer wie Mozart, hat den Mißerfolg seines Stückes um mehr als vier Jahrzehnte überlebt – zu seinen gescheiterten Projekten gehörte auch eine Fortsetzung der "Zauberflöte".

Ein Zauberer von der dritten Art ist der argentinische Regisseur Augusto Fernandes, der jetzt am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Goethes fast nie gespieltes, fast völlig vergessenes Lustspiel inszeniert hat. Fernandes, ein sanfter Exote neben all den deutschen Bizeps-Regisseuren, gehört nicht zu jenen Künstlern, dieauf dem Theater ständig ihr Mißtrauen gegen das Theater proklamieren müssen. Wie sein etwas gröber geschnitzter Landsmann Jérôme Savary liebt er die Maschinen und die Effekte, die Perücken und die Schminke, den Nebel und den Pulverdampf – den ganzen faulen und kindlichwahren Zauber der Bühne.