ARD, Sonnabend, 8. Januar: „Kein Zurück?“, Kirchen und neue Medien, von Klaus Figge

Wir geben Losungen ein, sagte ein freundlicher Herr, der kein Jägersmann war, sondern ein Vertreter des „Evangelium-Rundfunk“ – ein pietistisch gesinnter Christ, den es um die rechtgläubige Nutzung von Verkabelungs-Projekten ging.

Wir geben Losungen ein, das sollte heißen: wir füttern elektronische Geräte mit den Bibelsprüchen des Tages. Am Anfang wardas Wort als Morgengruß für die Frommen, die da bereit sind, sich auf die Verquickung von Christentum und Kommerz einzulassen.

Die Evangelikaien, soviel wurde aus einem knappen Bericht von Klaus Figge über die Kirchen und die neuen Medien ersichtlich, sind wohl gerüstet für die ersehnte Stunde, da der Zuschauer auf einen Knopfdruck hin erfahren kann: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Und auch die katholische Kirche hat ihre Ordensschwestern, Laienbrüder und geistlichen Herren längst ins fromme Geschäft eingeweiht. Patres proben den Auftritt, Wissenschaftler üben sich im Verfassen von Readers Digest-Fassungen, christliche Feste und Riten betreffend: Zwanzig Bildschirmzeilen, und ihr wißt, Geliebte im Herrn, was Ostern und Pfingsten und Weihnachten ist.

Nur die evangelische Kirche, diese störrische Magd – die, so erfuhr der Betrachter am Bildschirm, zögert noch, dem durch die electronic churches geprägten amerikanischen Zeitalter auch in Europa zum Sieg zu verhelfen. Das törichte Weib mit seinem lutherschen Puritanismus, das im Kabelfernsehen nicht die ideale Erfüllungsmöglichkeit des jesuanischen Missionsbefehls sehen mag: Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker!

Genug der Ironie. Das Problem ist bitterernst, und das contra will, ehe es zu spät ist, mit aller Schärfe artikuliert sein. Ein Jammer also, daß der Zuschauer nur über die Tatsache des (zögerlichen) evangelischen contra und des entschiedenen pro der Allianz von Katholiken und Evangelikaien, nicht aber über die Gründe solchen Für und Widers orientiert wurde – nicht über die Angst derer, die fürchten, daß die lebendige Gemeinde, in der gebetet und gearbeitet, gelehrt und getauft wird, durch die Verknüpfung aus zweiter Hand Schaden erleiden könne.

Christen in der Isolation, Bildschirm-Monaden, zu denen, als verstreuten Einzelnen, Abziehbilder gelangen: Ist sie wirklich so unrealistisch, diese Schreckensvorstellung? Jedermann in seiner Zelle, dem Salon oder der Wohnküche, ein Beuteobjekt kirchlicher Agitation – einer, dem man die Bilderbibel reicht und die konforme Auslegung gleich dazu: alles nur Spuk?