Hörenswert

„Battaglie e Lamenti – Schlacht und Klage.“ Bis an die Wende zum 19. Jahrhundert liebten es die kleinen und großen Landesfürsten, zu vor allem ihrem eigenen Ruhme, „Schlachtensinfonien“ komponieren und aufführen zu lassen – obwohl sie selber manchmal allenfalls kleine Familien- oder Grenzstreitigkeiten auszufechten hatten. Krieg und vor allem Sieg war immer ein musikalisches Thema, und an der Verwendung bestimmten Instrumente, etwa von Trompeten und Pauken, lassen sich im frühen Mittelalter gesellschaftliche Kriterien ableiten, etwa: wer, genauer: welcher gesellschaftliche Grad an der „Spitze“ der kriegführenden Truppen stand. Angefangen hat es vermutlich schon bei den Römern. Kunst daraus zu machen blieb dem 15., 16. und 17. Jahrhundert vorbehalten (vor allem in Italien, wo man, sich selber findend, manchen brüderlichen Krieg vom Zaun brach). Arien, Kantatensätze, vor allem aber Canzonen oder tanzartige Sätze mit und ohne allegorisch den Finger ausstreckenden Texten entfremden den Krieg zu einem gar niedlichen, allenfalls zu feiner Klage stimulierenden Ereignis. Nicht einmal aus den Texten, geschweige denn aus den Musiken der vorliegenden Anthologie solcher (Nach-)Kriegsmusiken wird deutlich, warum eigentlich hier der eine gegen den anderen vorging. Wichtiger bleibt das Ergebnis: Siegesstimmung (zu der sogar der Psalm 150 mißbraucht werden kann) oder Klage – schon die Musik mußte sich auf entweder die eine oder andere Seite schlagen. Wer immer das „Ensemble Hespèrion XX“ sein mag: Klangschön, geschmackvoll und mit wohldosierter Sensibilität musizieren diese zwanzig Herrschaften die Zeugnisse eines uns leicht befremdlichen, nichtsdestoweniger ästhetisch interessanten Denk- und Empfindungssystems – politische Kunst entpolitisiert, also reine Kunst; keine Platte für ein Meeting der Friedensbewegung unserer achtziger Jahre. (DG Archiv 2533468)

Heinz Josef Herbort

Luigi Rossi: „Canzonette Amorose“. „Ich bin ein Mädchen, das nicht zu lieben versteht“ – bekennt die eine. „Wenn mich ein Mädchen anlacht, vertraut es ihm sofort und hat keine Angst vor Falschheit; wie leichtgläubig ist mein Herz!“ – gesteht der andere. Zwei, möchten wir heute sagen, Gescheiterte ihres Geschlechts. Um die Mitte des 17. Jahrunderts wird die Realität anders gewesen sein, allein die Lyriker wie die vrtonenden Komponisten hatten genügend Talent, die skandalösen Extreme in ein jeweils positives, zumindest ästhetisches Erscheinungsbild umformen zu können. Luigi Rossi, in Apulien geboren, als Komponist in die Wirren um den Papstthron Mitte des 17. Jahrhunderts verstrickt, wußte schon damals genausogut wie in unseren Tagen Carl Orff, wie phänomenal Monteverdi sein „Lamento d’Arianna“ komponierte – und in der stilistischen Schule dieses Meisterwerks übertrug er (eigene? fremde?) Lamento-Texte, aber auch Bekennendes und Emphatisches in die diversen Formen jenes Gesangsstils, der in Kantate wie Oper den Subjektivismus des musikalischen Bekenntnisses auszuprägen half. Begleitet von diesem Stile Reppresentative stützenden und umspielenden Continuo- und Obligat-Instrumenten liefern Rosmarie Hofmann (Sopran), René Jacobs (Contratenor Altus), Knut Widmer (Baß) ein stilbewußtes Tableau eines immer noch aktuellen, so schmerzhaften wie freudvollen Leidens an der Liebe, (harmonia mundi 1C 165-99950/5IT)

Heinz Josef Herbort