Beobachtungen zur schulpolitischen Tendenzwende in Baden-Württemberg

Von Joachim Bark

Erster Fall: In der gut beleumdeten Reihe "Editionen für den Literaturunterricht" des Stuttgarter Klett-Verlags soll ein Sammelband "Alltagslyrik und Neue Subjektivität" erscheinen. Die Exemplare sind gedruckt, da fallen dem Verleger einige Gedichte auf, die es mit Mannbarkeit, Selbstbefriedigung und Geschlechtsverkehr zu tun haben. Und das ohne Umschreibung – Alltagslyrik wortwörtlich, nicht nur vom Anlaß her gesehen, sondern eben auch stilistisch. Die Texte von Theobaldy und Brinkmann werden getilgt, die Bücher eingestampft. Der Verleger verweist auf die Eltern, mit deren Protest er rechnen muß, und er blickt auf die Kultusbehörden, die diese Texte zum Anlaß nehmen könnten, auch begleitende Unterrichtsmaterialien zulassungspflichtig zu machen.

Die Gedichte sind ziemlich schlecht. Womöglich war das der Grund für den Herausgeber, sie aufzunehmen: scheiterndes Schreiben, auch das gehört zum Alltag, nicht nur das Thema Sexualität. Allerdings auch das. Wen muß man davor schützen? Die Schüler, die ganz unverklemmt mit der Sache umgehen? Unseren Begriff von Dichtung? Wird es in Zukunft unmöglich sein, die kürzlich freigegebenen und bei Suhrkamp erschienenen Liebesgedichte von Brecht im Deutschunterricht zu lesen? Oder muß der Verleger in erster Linie sich selbst schützen: vor einer Ausweitung der schlechten Zensurpraxis?

Zweiter Fall: Im gleichen renommierten Verlag wird ein neues Lesebuch für Gymnasien konzipiert, "Lesezeichen" für die 5. und 6. Klasse. In den Bundesländern ergeht die Genehmigung zur Einführung in den Schulgebrauch, nur Bayern und Baden-Württemberg weisen es zurück. Nichts Obszönes, aber Deftiges kommt vor: "Du Arsch" heißt es in einer Geschichte aus kindlichem Munde (Peter Härtling schreibt so etwas). Und: Zuwenig Bodenständiges erscheint unter der Rubrik "Sagen", echte Heimatliteratur ("echte"?) wird vermißt; schließlich gibt es zu wenig Gedichte zum Auswendiglernen. Das sind die neuen didaktischen Ziele, wie sie die eben beginnende große Lehrplanrevision in Baden-Württemberg angibt. Der Verlag wird einen eigenen Band für den Süden herausbringen müssen.

Die Zensurschere im Zulassungsverfahren für Schulbücher ist schärfer geworden, kein Zweifel. Die Revisionsvorlage zum Schulgesetz von November 1981 bringt einen ganz neuen Paragraphen 35 a im Referentenentwurf: Der hat es mit der engen Neuregelung der Schulbuchzulassung zu tun. Eine Regionalisierung des Schulbuchmarkts ist nicht mehr nur ein Alptraum des Verlegers. Das alles paßt ziemlich gut zusammen. Es beschreibt die Praxis der konservativen Tendenzwende im "Ländle".

Der dritte Fall erweitert das Feld. Da ergeht bei Nacht und Nebel, in den Schulferien nämlich, der ministerielle Erlaß, aus dem Rechenunterricht der Grundschulen die Mengenlehre auszumerzen. Zu abstrakt, zu verwissenschaftlicht, zuwenig erlebnisnah, so heißen die Gründe. Daß die Lehrer lange schon die "reine" Mengelehre beiseite gelegt, aber ihre spielerischen Elemente im Umgang mit Zahlenvorstellungen weiterentwickelt haben (wie viele Spiele für Vorschulkinder bauen auf eben dieser Entwicklung auf!) – das bleibt unberücksichtigt. Oder man will es nicht sehen.