Den Stempel Luther-Jahr hat dieses Jahr schon weg, bevor es richtig begonnen hat. Und in der Tat wird es im Zeichen der Veranstaltungen und Feierlichkeiten stehen, mit denen die fünfhundertste Wiederkehr seines Geburtstages in diesem Jahr begangen wird. Aber wessen gedenken wir eigentlich, wenn wir Luthers gedenken? Die Frage könnte zu einem nostalgischen Exkurs verfuhren. Denn: wie viele Möglichkeiten boten die Luther- und Reformationsfeiern in den zurückliegenden Jahrhunderten unserer Geschichte! Wie gegenwärtig war der Reformator in früheren Zeiten in allen Lebensbereichen des deutschen Volkes!

Da war der Luther des 19. Jahrhunderts, der als Inbegriff nationaler Identität der Deutschen gefeiert wurde und in zahllosen Denkmälern seinen sichtbaren Ausdruck fand. Da war, weiter in der Geschichte zurückgehend, der Luther der Aufklärungsarbeit, der trotz seiner nicht abwischbaren mittelalterlichen Züge als Bahnbrecher des Fortschritts, als Wegbereiter der Neuzeit gefeiert wurde. Da gab es aber auch den Luther des Pietismus und der großen Frömmigkeitsbewegungen früherer Zeiten, der als Erneuerer des geistlichen Lebens gepriesen wurde, als Mann des Glaubens, der – prophetengleich – aus den Befangenheiten einer veräußerlichten Religiosität herausführen wollte.

Es hat wahrhaft keine Epoche der deutschen Geschichte der Neuzeit gegeben, in der der Wittenberger Reformator nicht irgendwie anwesend war, keine Epoche, in der er nicht zur Auseinandersetzung herausforderte oder als Gewährsmann für bestimmte Entwicklungen herhalten mußte. Er erlaubte den Menschen ungeachtet aller Wandlungen des Zeitgeistes immer wieder Identifikationen, obwohl er nur selten in seiner geschichtlichen Wirklichkeit verstanden und noch seltener aus dieser Wirklichkeit heraus gedeutet wurde. Fremd und vertraut zugleich, lebte er als eine Art nationale Leitfigur im Bewußtsein der Deutschen, mit seinen Liedern, seinem Katechismus, seiner Bibelübersetzung weit über den Kreis der akademisch Gebildeten ninauswirkend.

Fast möchte es so scheinen, als stehe der Luther der Wirkungsgeschichte dem Luther der Geschichte selbst nicht nach. Übermächtig tritt er auch noch in fernen Räumen des säkularisierten Lebens in Erscheinung, ja schließlich wirkt er mehr durch seine sekundären Züge als durch das, was ihn zum Reformator werden ließ. Er prägte die Kultur der Deutschen durch die Kraft seiner Sprache; er lockerte die Bindungen Deutschlands zur lateinisch geprägten Welt Europas durch seinen Bruch mit Rom; er wertete die Ordnung des Staates auf, indem er den Anspruch der Kirche brach. Am Ende steht die nicht zu erschütternde Vorstellung, daß Luther der Neuzeit den Weg gebahnt habe, obwohl er selbst, weiß Gott, dem Mittelalter tief verhaftet war.

Denkt man über die Gründe dieser völlig außergewöhnlichen Wirkung des deutschen Reformators nach, so stößt man unausweichlich auf einen Sachverhalt, der nur als paradox empfunden werden kann: auf die ungeheure Säkularisationsfähigkeit des Theologen Martin Luther. Er, der sich wie kein Zweiter gegen die Verweltlichung des kirchlichen Lebens wandte, verhalf der säkularen Welt zu einem eigenen Recht. Er, der die Kirche erneuern wollte, gab der Welt neue Kraft, bestärkte sie in ihrer Weltlichkeit. Er, der sich gegen billige Kompromisse mit der Welt scharf wehrte, bot wie kein anderer Theologe der Kirchengeschichte Ansätze zur Säkularisierung, zur Durchdringung weltlicher Sitte und Kultur mit religiöser, geistlicher Substanz.

Fast wäre man versucht zu sagen, daß Luthers Werk nach Säkularisierung drängte. Doch diese Überlegung hält der Wirklichkeit nicht stand. Auch noch das lebensnächste Wort des deutschen Reformators zeugt von Gegenlagern, von Kraft und Willen, Welt in Frage zu stellen, wie immer auch sie ihm begegnete. Was er an Säkularisierung freisetzte, was er an Weltlichkeit entband, vollzog sich mehr auf indirektem Wege, unversehens. Das reicht freilich aus, um immer wieder Stoff für Übertragungen zu geben. Bis in den Kitsch der deutschen Gartenlaube hin ließ Luther Spuren in der Welt zurück.

Und unsere Zeit? Sie scheint meilenweit entfernt von all dem Zauber, den die Gestalt des großen Reformators einst umgab. Nicht nur entstehen keine Lutherbilder mehr: Weit folgenreicher ist, daß die Voraussetzungen entfallen sind, die Lutherbilder in der Neuzeit wirksam werden ließen. So ist der nationale Luther tot; kein deutsches Selbstverständnis kann sich mehr auf alte Heldenbilder gründen. Auch wer Karl Barths Verdikt für übertrieben hält, daß Luthers Lehre bei dem Volkswahn Pate stand, "natürliches Heidentum" verklärte und entschränkte, wird nicht verneinen können, daß Tropfen lutherischen Öls es waren, die deutsche Häupter salbten, die mehr nach Macht als nach Menschenrechten strebten. Kein Redlicher kann mehr von Luther träumen, wenn Deutschlands Weg in unserer Zeit bedacht wird. Kein Jugendlicher wird, wenn er sich selbst zu finden sucht und Identität als Deutscher zu gewinnen hofft, nach Luthers Wirkung fragen.