Erst vor kurzem hat Albanien dem neuen Kreml-Chef Andropow vorgeworfen, die „Sprache eines faschistischen Diktators“ zu verwenden. Die von Andropow angebotene Wiederannäherung wies der nationalkommunistische Balkanstaat höhnisch zurück. Die Albaner werden auch die 36 Millionen Dollar in Gold nicht annehmen, die jüngst die Amerikaner zusammen mit Engländern und Franzosen offeriert haben – zwecks Normalisierung der Beziehungen und zur Entschädigung für den albanischen Goldschatz, der im Zweiten Weltkrieg nach London geriet.

Das Mittelmeerland mit seiner wichtigen geostrategischen Lage hat wieder fast alle. Brücken zum Ausland abgebrochen. Stichtag für die Rückkehr in die totale Isolierung war der 17. Dezember 1981. An diesem Tag beging der 68jährige Ministerpräsident Mehmet Shehu Selbstmord. Schon bald kursierten Gerüchte aus jugoslawischen Quellen, daß es im albanischen Politbüro zu einem Schußwechsel zwischen Shehu und Parteichef Enver Hodscha gekommen sei.

Die Wahrheit über Shehus Tod kennt nur die albanische Führung. Aber sicher ist, daß seine Beseitigung eine Säuberungswelle in Gang setzte, die sich über das ganze Jahr 1982 erstreckte, erst jetzt zum Abschluß gelangt ist und mehr Umbesetzungen gebracht hat als alle Machtkämpfe und Mordaffären in der albanischen Nachkriegsgeschichte.

Dem Duell zwischen Hodscha und Shehu, bei dem es vordergründig um Albaniens Öffnung nach Westen ging (die Shehu befürwortete), in Wirklichkeit aber um das Erbe des 74jährigen Hodscha, fiel fast die gesamte Regierung zum Opfer. Nach Shehu stürzte dessen Neffe, Feçor Shehu, der Innenminister. Ihm folgten Verteidigungsminister Kadri Hazbiu (Shehus Schwager) und Außenminister Nesti Nase. Auch Staatschef Hadschi Lleshi mußte nach fast dreißig Jahren Amtszeit seinen Platz an Enver Hodschas 58 jährigen Kronprinzen Ramiz Alia abtreten. Geschaßt wurden die Minister für Außenhandel, Wirtschaft, Bauwesen, Industrie und Bergbau, Leicht- und Nahrungsmittelindustrie.

Über die Schicksale der unterlegenen Anhänger Shehus gibt es kaum Informationen. Aber Albaniens Nachkriegsgeschichte läßt wenig Gutes für sie erwarten. 1948 stürzten Hodscha und Shehu gemeinsam den Anhänger Titos, Koçi Dschodsche, und ließen ihn hinrichten. Die Anhänger Chruschtschows, Liri Belishova und Koço Tashko, wurden 1961 gestürzt und wahrscheinlich hingerichtet. (Tirana behauptet, sie lebten in Pension.) 1973 wurden die Kulturfunktionäre Paçramimi und Lubonja gestürzt, auch sie waren damals Opfer einer Abgrenzungskampagne gegenüber dem Westen. 1974 wurden Verteidigungsminister Balluku und führende Militärs wegen ihres angeblichen Zusammenspiels mit Chinesen, Jugoslawen und Rumänen hingerichtet.

Zum Abschluß der jüngsten Säuberungswelle hat der 74jährige Parteichef seine eigene Version über das Ende Mehmet Shehus veröffentlicht. In seinem soeben in Tirana erschienenen Buch Die Titoisten „entlarvt“ Hodscha den Regierungschef als langjährigen Agenten der CIA und des jugoslawischen Geheimdienstes UDB.

DIE ZEIT veröffentlicht Auszüge aus der Darstellung Hodschas, weil sie einen ungewöhnlichen Einblick in die stalinistischen Methoden bietet, mit denen in Albanien noch heute Politik gemacht und Geschichte umgeschrieben wird. So einseitig die Darstellung Hodschas ist, so deutlich läßt sie dennoch erkennen, worum es wirklich gegangen ist. Hodscha erwähnt nur die Partei und das Volk als Retter. Mit anderen Worten: Die Regierung, das Innenministerium und fast der ganze Staatsapparat müssen gegen seinen Kurs gewesen sein. Das läßt ahnen, welche Machtkämpfe den mutmaßlichen Nachfolger Ramiz Alia erwarten, wenn einst der 74jährige Diktator abtritt.

Christian Schmidt-Häuer

Anfang 1981 kam es zu den Demonstrationen im Kosovo. Die Großserben und der jugoslawische UDB gerieten in hellste Aufregung, schickten ihre Armee und zerschlugen die Demonstrationen. Hunderte wurden getötet und verletzt. Diese Unruhen waren für das von wirtschaftlichen und politischen Krisen geschüttelte Jugoslawien höchst gefährlich ...

Die Jugoslawen verlangten deshalb, daß ihr Agent Mehmet Shehu handelte. Der jugoslawische UDB, der mit der CIA zusammenarbeitete, wußte von deren Weisung, Enver Hodscha zu beseitigen. Deshalb drang der Geheimdienst darauf, daß Mehmet Shehu seine Frau nach Paris schicken solle. Sie fuhr im April, unmittelbar nach den Kosovo-Demonstrationen, die im März begonnen hatten. In Paris traf sie einen Gesandten von Çalamani, der ihr Gift gab, mit dem Auftrag, es Enver Hodscha unverzüglich einzuflößen.

Fiqret Shehu und Mehmet Shehu zerbrachen sich den Kopf, wann, wo und wie sie die verschiedenen Vorschläge der CIA ausführen sollten und entschieden sich dafür, mir das langsam wirkende Gift bei einem unserer gegenseitigen Besuche unterzumischen...

Der Auftrag der Jugoslawen, unverzüglich und schnell zu handeln, traf Mehmet Shehu unvorbereitet. Shehu hatte Angst; es mißbehagte ihm, in die Enge getrieben zu werden. Er wandte sich an seinen obersten Patron, Amerikas CIA. Fiqret Shehu begann, die Hauptstädte Europas zu besuchen – Wien, Stockholm, Kopenhagen. In Stockholm und in Dänemark traf sie Vertreter der CIA und erläuterte ihnen Mehmet Shehus Vorstellungen, nicht überstürzt zu handeln, wie es Jugoslawien verlangte, da sie nicht ausreichend vorbereitet seien. Enver Hodscha zu vergiften, solle bis März 1982 hinausgeschoben werden; bis dahin könnten sie einige Aktionen starten, die zu einem Bruci in der Partei führen und die liberalen Kräfte erruntern würden. Der CIA-Mann sprach sich mit seiner Zentrale ab und gab dann in Dänemark die Zustimmung zu Mehmet Shehus Variante.

So traf Mehmet Shehu Vorkehrungen für die Verlobung seines Sohnes mit der Tochter aus einer Familie, in der es sechs oder sieben Kriegsverbrecher gab, einschließlich des berüchtigten CIA-Agenten Arshi Pipa. Eine solche Verlobung mußte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen. Und das genau war die Absicht: eine Sensation zu verursachen ...

Es trat jedoch nicht das ein, was Mehmet Shehu erwartet hatte. Die Partei intervenierte sofort, die Verlobung wurde gelöst, Mehmet Shehu wurde von den Genossen für seine schwere politische Verfehlung gerügt. Er wurde aufgefordert, in einer gründlichen Selbstkritik darzulegen, warum er solch einen Fehler begehen konnte, und dies sollte nach dem 3. Parteikongreß, der vom 1. bis 8. November 1981 stattfand, geschehen. Mit einer solchen Entwicklung hatte Shehu nicht gerechnet...

Daß die Sanktionen nur parteiinternen Charakter haben sollten, nutzte weder den Titoisten, noch den Großserben oder dem jugoslawischen UDB, die alle um jeden Preis Unruhe in Albanien erwarteten und fördern wollten. Daher schickte die jugoslawische Botschaft in Tirana – auf Anweisung Belgrads – am Abend der Sitzung des Politbüros, bei der Mehmet Shehus schwere politische Verfehlung diskutiert werden sollte, ihren Agenten und Kontaktmann Feçor Shehu zu Mehmet Shehu, um das „Ultimatum“ des UDB zu übergeben: „Enver Hodscha muß um jeden Preis getötet werden, wenn nötig sogar in der Sitzung und auch, wenn Mehmet Shehu selbst dabei umkommt.“ Der UDB, die Großserben und die Titoisten waren durch die Situation im Kosovo so unter Druck geraten, die Zukunft erschien so düster, daß sie sich entschlossen, ihre Trumpfkarte, ihren Superagenten „zu vernichten“ – wenn nur etwas Spektakuläres geschehen würde, das „das sozialistische Albanien und die Arbeiterpartei von Albanien bis in die Grundfesten erschüttert“.

Um zehn Uhr abends, am 16. Dezember 1981, ging Feçor Shehu zu Mehmet Shehus Haus und überbrachte die Order der geheimdienstlichen Auftraggeber.

Am 17. Dezember begann die Diskussion in der Sitzung des Politbüros. Alle Genossen, alte und neue, nahmen an der Diskussion teil und verurteilten scharf, daß Mehmet Shehu seinen Sohn mit einem Mädchen verlobt habe, in deren Familie es sechs bis sieben Kriegsverbrecher gab. Sie drückten ihre Unzufriedenheit mit Mehmet Shehus Selbstkritik aus, forderten, daß sie weitergehen müsse, und deckten die Gründe für die Verfehlungen auf...

Die Kritik der Mitglieder des Politbüros war streng, offen und bolschewistisch; als Sanktion wurde jedoch lediglich „die Aufnahme eines ernsten Verweises in seine Unterlagen“ gefordert. Das war der Geist, in dem auch ich meinen Beitrag vorbereitet hatte, indem ich die Geschichte von Mehmet Shehus Verfehlungen darlegte, angefangen mit der Zeit des Krieges. Da die Sitzung jedoch lange andauerte, wurde meine Stellungnahme an diesem Tag nicht gehört. Die Sitzung sollte am folgenden Tag fortgesetzt werden. Als die Diskussion des ersten Tages beendet war, sagte ich zu Mehmet Shehu:

„Gehe die ganze Nacht lang in Dich und sage uns morgen im Politbüro, aus welchen Motiven Du gehandelt hast. Deine Begründung der Verlobung ist nicht stichhaltig – es hat Dich etwas anderes zu dieser verwerflichen Tat getrieben.“

Meine Worte alarmierten Mehmet Shehu, er vermutete, daß das Verbrechen, das er vorbereitete, entdeckt worden sei. Der „tapfere“ Mehmet Shehu dachte die ganze Nacht darüber nach, wie er aus dieser heiklen Lage entkommen könne, und arbeitete selbst einen Plan aus. Seine Sicht der Dinge war offenbar diese: „Ich bin so gut wie tot, am besten, ich rette, was ich kann.“ Er beschloß, so wie sein Freund Nako Spiru zu handeln, sich umzubringen, in der Hoffnung, daß die Partei diesen „Staatsmann“ und „legendären Führer“, diesen „Partisanen und Kämpfer in Spanien“ mit allen Ehren begraben, seinen Ruf nicht beschmutzen und erklären würde, daß „das Gewehr zufällig losgegangen“ sei. (So hatte er es in seinem Abschiedsbrief vorgeschlagen.) Auf diese Weise hoffte er, daß er wenigstens seine Zukunft nicht verlieren würde und daß seine Familie nicht leiden müßte.

Zusammen mit seiner Frau schüttete er das ihm von den Jugoslawen überreichte Gift in die Toilette und beauftragte seinen ältesten Sohn, die ihn inkriminierenden Teile des Radiosenders zu verstecken.

Fiqret Shehu, als die Agentin, die sie war (sie, die wegen jeder Kleinigkeit zitterte und weinte), stimmte dem Selbstmord ihres Mannes kalt und zynisch zu, wenn nur ihre „historische“ Vergangenheit, sie selbst und ihre Söhne gerettet würden.

Sie hatten jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sobald ich von Mehmet Shehus letzter Tat hörte, schlug ich sofort vor, seinen Selbstmord zu verurteilen, zu erklären, daß er als Feind

gehandelt habe. Und so verurteilte das Politbüro die Tat dieses Feindes einmütig. Nicht nur die Führung und die Partei, sondern unser ganzes Volk sah darin einen feindlichen Akt und nahm einen revolutionären Standpunkt ein. Die Partei und das Volk setzten denn auch mit Begeisterung, mit größerer Entschiedenheit und Einigkeit ihre Arbeit fort, die Beschlüsse des 8. Parteikongresses durchzusetzen.

UDB und CIA bissen sich in die Finger. Die ausländischen Nachrichtenagenturen brachten die Nachricht so, wie wir sie herausgegeben hatten: daß Mehmet Shehu „in einer Nervenkrise Selbstmord begangen habe“. Hier und da gab es einige Kommentare, die von den Jugoslawen heimlich bezahlt wurden. Aber selbst die Jugoslawen waren nicht in der Lage, diese Tat in ihrer offiziellen Presse auszuschlachten, außer daß sie eine Studentenzeitung in Zagreb beauftragten, über das „Drama“ zu schreiben, das sich bei der Tagung der albanischen Führung ereignet habe (gemäß der Version, die der UDB geplant hatte). In dieser Zeitung hieß es: „...Mehmet Shehu gab einige Schüsse mit einem chinesischen Revolver von diesem oder jenem Typ und Kaliber ab, aber Enver Hodschas Genossen töteten ihn. Das Schicksal Enver Hodschas ist unbekannt...“

Ein Szenario nach Western-Art mit Schießereien, die in den Saloons aus jener Zeit vorkamen! Das war, was sie wollten – aber nicht erreichen konnten. Ihre Trumpfkarte, den Superagenten von CIA und UDB in Albanien, hatten sie vergeblich geopfert.