Von Dietrich Strothmann

Für Überraschungen war Jitzhak Navon schon häufig gut: So sprach sich der israelische Staatspräsident, dem von Gesetzes wegen nur Repräsentationspflichten obliegen, letztes Jahr gegen den erklärten Willen von Premier Menachem Begin für die Einsetzung einer unabhängigen Kommission aus, die das Ausmaß der israelischen Mitverantwortlichkeit an dem Massaker in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Schatila untersuchen sollte. "Nach allem, was geschehen ist", sagte Navon, "können wir nicht so tun, als gehe uns das nichts an. Wir brauchen ein reines Gewissen. Wer sich schuldig gemacht hat, muß auch bestraft werden." Und mit dem gleichen Instinkt reagierte er, anders als Begin, auch nicht mit Schweigen, als in der vorletzten Woche in dem Tel Aviver Slumviertel Kfar Schalem die Polizei einen jungen Demonstranten erschossen hatte; Navon forderte auch hier rückhaltlose Aufklärung.

Jitzhak Navon hat für sich selber gewiß längst entschieden, ob er zur nächsten Wahl als Begins Herausforderer antreten soll. Zwar hat er sich, seinem Amt verpflichtet, erst jetzt wieder, während seiner Amerika-Reise, auf entsprechende Fragen sybillinisch geäußert: Darüber, ob er Bücher schreiben, eine weitere Amtszeit als Präsident anstreben oder aber als Kandidat gegen Begin in den Ring steigen werde, wolle er sich erst im nächsten Monat klar werden. Sein elftägiger USA-Besuch immerhin, offiziell als "informell" eingestuft, aber angereichert mit Gesprächsterminen bei Präsident Reagan und Außenminister George Shultz, bei Führern der Gewerkschaften und der jüdischen Organisationen, wird in Jerusalem scheeläugig als eine Art Werbefeldzug bewertet. Tatsächlich hieß es dazu aus dem Weißen Haus: "Wir können ihn leider nicht öffentlich umarmen und erklären, er sei unser Mann." Was heißen soll: Wir umarmen ihn, und er ist unser Mann ...

Wenn überhaupt, dann zaudert der sonst so energische, selbstbewußte Navon nur, weil er noch nicht hundertprozentig wissen kann, ob Menachem Begin bereits in diesem Jahr wählen lassen will und ob sein Parteifreund Schimon Peres, der Vorsitzende des oppositionellen Arbeiterblocks Maarach, freiwillig auf seine Spitzenkandidatur verzichtet. Sonst aber stehen Navons Chancen nicht schlecht: Nach jüngsten Umfragen hat er in der Popularitätskurve einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht (von 4,4 Prozent im August 1982 auf 18,4 Prozent, die ihn als Ministerpräsidenten wünschen) und seine innerparteilichen Rivalen hinter sich gelassen: Schimon Peres lag nur bei 3,3, Jitzhak Rabin lediglich bei elf Prozent. An Menachem Begin (nach wie vor um 45 Prozent) reichte er allerdings auch im Traum nicht heran. Keinem anderen als Navon wird auch zugetraut, den jahrelangen, lähmenden Konflikt an der Spitze der Arbeiterpartei zwischen Peres und Rabin zu beenden und der seit 1977 in der parlamentarischen Opposition mut- und kraftlos dahinwerkelnden Fraktion neuen Halt und neue Hoffnung zu geben.

Auch die staatspolitische Räson spräche durchaus für die Wahl des von innenpolitischen Querelen unbelasteten Jitzhak Navon. Er gehört, im Gegensatz zu der traditionellen Führungsschicht des Staates Israel, den in der Regel aus Europa stammenden Aschkenasen, zu den Sepharden, dem inzwischen zahlenmäßig stärksten, orientalisch-jüdischen Bevölkerungsteil des Landes (60 Prozent). Deshalb könnte er in der Lage sein, den gerade in den letzten Jahren zunehmenden Riß in der israelischen Gesellschaft aufzuhalten und den bedrohlichen "Krieg der Juden gegen die Juden" zu verhindern.

Navon könnte auch dem Amt des israelischen Regierungschefs wieder zu jener Reputation verhelfen, die es durch Menachem Begins Regierungsstil längst eingebüßt hat. Er wäre wohl schließlich, als tapfere "Taube" in der Führung von Partei und Regierung, eher zu Kompromissen gegenüber den arabischen Nachbarn, auch den Palästinensern, bereit: Navon hätte wohl kaum, wie Begin es tat, die Friedensinitiative des amerikanischen Präsidenten Reagan zurückgewiesen, die Siedlungspolitik im Westjordanland zum bloßen Zweck der Annexion fremden Landes forciert oder den Befehl zur Bombardierung Beiruts gegeben.

Der 61jährige grauhaarig-gelockte Staatspräsident ist der Repräsentant des anderen Israel: nicht der von einem heiligen, heillosen Zorn angetriebene Ideologe, der bedenkenlose Gegner jeder arabischen Ansprüche, der rücksichtslose Verfechter israelischer Machtinteressen. Der Staat ist Navon wichtiger als das Schlachtfeld, die moralischen Qualitäten des Volkes schätzt er höher als die militärischen Erfolge seiner Armee. Über den künftigen Zustand des Landes macht er sich mehr Sorgen als über die strikte Erfüllung legendärer Verheißungen eines zu bloßen politischen Zwecken umfunktionierten Messianismus. Ihn bekümmert, daß heute nicht nur jedes Sandkorn am Jordan? für heilig erklärt wird, sondern es mancherorts unter Israelis heißt "Araber raus", daß Juden Juden "Faschisten" schimpfen und – wie bei den jüngsten Protesten der Sepharden gegen die wohlsituierten, immer noch tonangebenden Aschkenasen in Kfar Schalem – die einen die anderen nach "Auschwitz, Treblinka und Dachau" wünschen. Soweit ist es mit dem Haß auch untereinander gekommen.