Das Vertragswerk hat die europäische politische Landschaft dauerhaft geprägt

Von Kurt Becker

Zwei Male hat sich ein französischer Staatspräsident gegenüber einem deutschen Bundeskanzler zu einer ebenso unerwarteten wie spektakulären Geste entschlossen, ihn zur herzlichen Umarmung, zur accolade, zu sich herangezogen und ihm den Wangenkuß entboten. In Frankreich ist das gang und gäbe. Auf der höchsten staatlichen Ebene indes, gewissermaßen von Nation zu Nation, besitzt diese Vertrautheit absoluten Seltenheitswert.

Zum ersten Male, vor genau zwanzig Jahren, war es Charles de Gaulle, der die protokollarische Steifheit durchbrach, als er zusammen mit Konrad Adenauer im Elysée-Palast den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnete. Das war die denkwürdige Stunde des 22. Januar 1963, in der eine politische Utopie reale Züge anzunehmen begann. Doch die beiden großen Staatsmänner des Nachkriegs-Europa waren sich vor allem ihres geschichtsträchtigen Versöhnungsaktes bewußt; sie konnten zu jener Zeit nicht vorhersehen, welche überragende Bedeutung dieser Vertrag tatsächlich einmal für die europäische Landschaft erhalten werde.

Sechzehn Jahre später, im Januar 1979, war es Valéry Giscard d’Estaing, der als Hausherr der westlichen Vierer-Gipfelkonferenz auf der französischen Antillen-Insel Guadeloupe Helmut Schmidt eine besonders herzliche Geste zuteil werden lassen, wollte. Damals hatte die deutschfranzösische Zusammenarbeit schon längst das Stadium ihrer Hoch-Zeit erreicht. Die "Bonne Entente", wie Giscard diese Beziehung einmal nannte, war nicht nur in der Perspektive der westeuropäischen Einigungspolitik zur beherrschenden Führungskraft in der Gemeinschaft, sie war auch zu einer konsistenten Größe der Macht und des Einflusses in der internationalen Politik aufgerückt.

"Die Bilanz ist großartig", sagte Helmut Kohl sogleich nach seinem Einzug in das Kanzleramt. Und dieses Urteil wird in der nächsten Woche in Bonn und Paris zur zwanzigjährigen Wiederkehr der Vertragsunterzeichnung in vielen Varianten aufs neue zu hören sein.

Dabei sah nach dem Vertragsabschluß zunächst alles ganz anders aus. Die erste Strecke des Weges war mit herben Enttäuschungen gepflastert. Überall, wo gemeinsame Interessen auf dem Spiele standen, wucherten nationaler Egoismus und kleinliche administrative Pedanterie. Ausgenommen das deutsch-französische Jugendwerk, das alle Reibereien zwischen den Staatskanzleien glänzend überdauert hat. Heute sind diese Schwierigkeiten nur noch eine ferne Erinnerung: die Aussperrung Großbritanniens aus Europa in den sechziger Jahren; der Kampf Frankreichs gegen die deutsche Teilhabe an einer atlantischen maritimen Nuklearstreitmacht; die törichte interne Bonner Kontroverse um die sicherheitspolitische Scheinalternative "Paris oder Washington"; Frankreichs Auszug aus der Nato-Militärorganisation; die Politik des leeren französischen Stuhls in der Europäischen Gemeinschaft; der Pariser Argwohn gegenüber der Bonner Ostpolitik; der elende Niedergang des Projekts einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, die in eine politische Europäische Union übergeleitet werden sollte.