Von Kino Sanders

Es kann kaum schwerer sein, beim Papst Audienz zu bekommen. Vier Wochen blätterten vom Kalender, ehe mein nach allerlei Hin und Her fixierter Termin endlich da war; "In Zeiten der Stagnation muß man sich bewegen", erklärte Signor Luciano diese Schwierigkeit. Freilich hat die Wirtschaftskrise auch das fleißige Venetien erreicht, nicht jedoch die Benettons in ihrem Heimatort Ponzano an der alten Römerstraße Postumia nahe Treviso.

"Signor Luciano" hieß es schon in den vorbereitenden Telephongesprächen. Als ich dann ankam und sagte, mir gefalle diese ländlich familiäre Redeweise, antworteten die Leute: "Wir müssen sie ja auseinanderhalten: Es gibt vier Benettons." Vier Geschwister: Luciano, mit 47 der älteste, Giuliana dann, Gilberto und, als jüngster, Carlo, 38, drei kräftige, sportliche Mannsbilder und eine eher zierliche Schwester: Ein Gruppenbild mit Dame, das aus dem Album italienischer Industriegeschichte nicht mehr wegzudenken ist. Vom "Miracolo Benetton berichtet, ausnahmsweise einmütig, die Presse, und "Wunder" ist diesmal ein weniger leichtfertiges Wort.

Die Mutter ist Tochter von Kanada-Emigranten. Immer schon wanderten die Leute des Veneto aus. Der Vater fuhr einen eigenen Lastwagen. Er starb, als Luciano zehn war. Nach der Hauptschule verkaufte der Junge Textilien, seine Schwester werkte als Strickerin. 1956 beschlossen sie, sich selbständig zu machen. Sie hatten einen gebrauchten Strickstuhl, ein Konzept, Phantasie und jede Menge Arbeitslust. Zehn Jahre später bauten sie ihre erste Fabrik.

Heute ist "Benetton" der größte Woll- und Baumwollwirker Europas und, wenn diese Zeilen erscheinen, wohl schon der Welt. Bei der atemberaubenden Expansion des Unternehmens muß man alle Daten mit Datum versehen; denn im Augenblick der Publikation sind sie schon Firmengeschichte. "Dasitzen und warten, daß die Krise vorübergeht", wie Luciano sagt, ist dieser Geschwister Sache nicht. 1966 legten sie mit 58 Mitarbeitern los, zur Zeit sind es gegen 1600 in sechs Fabriken; doch beredter sind noch die Umsatzziffern. 1978: 66 Milliarden Lire bei 2 Prozent Export; 1979: 103 Milliarden bei 10 Prozent; 1980: 194 Milliarden und 26 Prozent; 1981: 321 Milliarden und 36 Prozent; 1982 aber über 400 Milliarden (rund 695 Millionen Mark) bei mindestens 46 Prozent Export! Man ist bei einer Jahresproduktion von rund 30 Millionen Kleidungsstücken angelangt.

Das setzt Lernprozesse voraus, zu denen nur wenige so gestartete Unternehmer fähig und willens sind. Die Benettons scheuen sich nicht; lernen ist ihre Lust, ja ihr System. So kauften sie noch kürzlich eine Fabrik in Schottland, weil die Leute dort eine so lange Tradition erstklassiger Wollverarbeitung haben. "Aber", sagt mir der Benetton-getreue Generaldirektor Aluffi heiter, "wir sind besser. Ihre Maschinen sind total überholt." Die marktgängigen Strickaggregate wurden dank der "technischen Intuition Giulianas", so der Bruder, bedarfsgerecht weiterentwickelt und werden nun so gebaut.

Sind sie als Team geboren, diese Geschwister? Ihre Begabungen verteilen sich felddeckend nach den Erfordernissen eines solchen Großunternehmens – oder haben sie sich nach ihnen entfaltet? Carlo hat die Technik beherrschen gelernt, Gilberto besorgt die Finanzen, Giuliana, die Maschinen-Kundige, ist für Design und Farbwahl zuständig, und Luciano managt Marketing, die weltweite Verkaufsstrategie, Public Relations.