Es ist nur ein ganz schmales Sträßchen, das bei Rofla aus dem Hinterrheintal ins Averser Tal abzweigt. Die Schneemauern stehen hoch links und rechts am Straßenrand, schwarzgelbe Markierungsstöcke ragen heraus, als ob ein Slalom ausgesteckt sei. Und wie Slalomfahrer fühlen wir uns auch, denn Kurve reiht sich an Kurve. Hier und da quillt grünliches Wasser im Schnee, irgendwo fließt der Averser Rhein neben uns.

Dann ein kleines Dorf: Innerferrera. Eine Handvoll Häuser, eine kleine Kirche auf dem Hügel, der Gasthof „Alpenrose“ und ein schweizerisches Nebenzollamt. Kinder stehen vor den Häusern und winken.

Von hier aus führt die stellenweise vereiste Straße unmittelbar an der Grenze zu Italien entlang. Roh aus dem Felsen gesprengte Tunnels nehmen uns auf, verschlucken uns für Minuten, kleine, mitunter hölzerne Brücken leiten uns über gähnende Abgründe, während der Blick auf die wilde Felsszenene und die zu hellblauem Eis erstarrten Wasserfälle immer großartiger wird. Kaum ein Wagen kommt uns entgegen. Vorsichtig suchen wir eine Ausweichstelle, als wir von weitem das Signal eines Postautos hören.

Eine Straße zweigt nach rechts ab, ins Valle di Lei. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß der Vater Rhein mit dem Reno di Lei auch eine italienische (Quelle hat. Doch ist das Wasser des Leier Rheins hinter einer mächtigen Sperrmauer aufgestaut. Die Straße dorthin, jetzt im Winter nur für den Werksverkehr geräumt, wird von ein paar Kindern als Rodelbahn benutzt. Aber mitten auf der Fahrbahn sind ein paar Holzknechte dabei, in aller Seelenruhe Holz zu sägen, Stämme zu schälen. Die Kinder rodeln im Bogen vorbei.

Das Sträßchen steigt nun in mächtigen Serpentinen dem Talschluß entgegen. Zum Teil verläuft es auf Betonplatten, die vor den Felswänden ausgelegt sind. Gemsen stehen am Straßenrand, schauen uns aus großen, staunenden Augen an. Noch nie haben wir diese Tiere irgendwo so zutraulich stehen sehen.

Campsut, Cröt, Cresta, die Siedlungen bestehen nur aus drei oder vier Häuschen, in Cresta zusätzlich aus einem Kur- und Sporthotel, der Gemeindeverwaltung des Tales und einer Schule. Holzhäuser sind es, braunverwittert, mit Schindeldächern. Vor den Fassaden ist Brennholz aufgeschichtet.

Plötzlich öffnet sich der Blick in den weiten oberen Talboden des Averser Tals, bleibt an mächtigen Gletschern im Hintergrund hängen. Ringsum baumloses, leicht ansteigendes Almengelände. Nur noch ein paar Häuser, die kleine Siedlung Pürt. Skispuren ziehen sich durch die Hänge, einen Schlepplift gibt es, einen kleinen Übungslift, eine gespurte und ausgeschilderte Loipe. Vor einem alten Bauernhaus, gleich neben dem modernen Hotel „Alpina“, liegt ein dicker, alter Hund auf einer Bank neben der Haustür in der Sonne und blinzelt uns verschlafen an.