Ost-Berlin

Der Fortschritt hat viele Gesichter, nicht immer ein freundliches, manchmal gerät es zur Fratze. Aber das ist eine recht junge Erkenntnis. In den sogenannten fortschrittlichen Ländern hat sich der Fortschritt ein Pseudonym zugelegt, er nennt sich dort: Errungenschaft.

In der DDR ist als jüngste technische Errungenschaft gefeiert worden, daß jetzt Potsdam als siebte Bezirksstadt an das elektrifizierte Schienennetz der Eisenbahn, die dort noch Reichsbahn heißt, angeschlossen worden ist. Die Potsdamer können nun mit der elektrifizierten Schnellbahn in die Hauptstadt der DDR, nach Ost-Berlin, fahren. Die Strecke führt um West-Berlin herum, und um zum Bahnhof Friedrichstraße, der rund 70 Kilometer entfernt ist, zu kommen, braucht man anderthalb Stunden.

Vor 54 Jahren, 1929, war für die Potsdamer der Bahnhof Friedrichstraße in 40 Minuten zu erreichen. Damals lag er nur 35 Kilometer entfernt. Und „elektrifiziert“ fuhr man auch schon. „Potsdam-Erkner“ und „Spandau-Grünau“ waren die ersten Strecken der alten Berliner S-Bahn, von denen die Lokomotiven verschwanden. Und alle zehn Minuten ging ein Zug von Potsdam nach Berlin-Mitte und umgekehrt, die Dampfzüge der Vorortbahn nicht mitgezählt.

Der Fortschritt, seit er aufs politische Gleis geraten ist, muß Umwege machen, und er hat Mühe bei denen, die sich erinnern, wenn er die Vergangenheit überholen will. HWH