Mit Schlitten und Snowmobil durch das verschneite Ontario

Von Klaus Viedebantt

Nach 150 Fuß kommt eine scharfe Linkskurve, da mußt du höllisch aufpassen“, riet Rick noch, dann gab er die Leinen frei. Meine sieben Huskies gingen ab wie die Post. Uta, die Kanadierin, die zum erstenmal auf einem Hundeschlitten saß, hielt sich ganz stark fest an dem leichten Gefährt, ich, nicht minder unerfahren in dieser Art der Fortbewegung, versuchte, wie ein Trunkener Balance zu halten auf den Kufen am Schlittenende. So rasten wir der Kurve in der Dorfstraße entgegen.

Lionel, Ricks Vater, hatte sie mit einem schräggestellten Snowmobil gesichert. Er wußte, die noch kraftvollen Hunde wären nicht zu bremsen gewesen, wenn ein Auto entggengekommen wäre. Mit wilden Handbewegungen und heftigem Schreien versuchten er und ein paar kanadische Freunde, unser furioses Gespann um die Kurve zu winken. Ich trat mit aller Macht auf die „Bremse“, einen Dom, den man in den Schnee pressen kann. „Gegen frische Hunde hilft das Ding nicht“, hatte Rick kurz zuvor bei der Erklärung des Schlittens gesagt.

Und so stand ich nun kraftvoll und hilflos auf dem Dorn. Aber meine Meute nahm davon keine Notiz, mogelte sich in rasantem Lauf an allen Hindernissen vorbei und stürzte sich, die Kurve ignorierend, geradeaus in eine Waldschneise. Schlitten und Uta knallten gegen das Snowmobil, ich wirbelte durch die frische kanadische Winterluft, plumpste – das Gesäß voraus – auf den Motorschlitten und rollte in den Schnee. Den Umstehenden gelang es, das Gespann festzuhalten. Eine kurze Inspektion ergab, daß alles ohne ernste Blessuren abgegangen war. Die blauen Flecken entdeckten wir erst später, erahnen konnten wir sie allerdings schon, als wir humpelnd zu unserem Transportmittel zurückkehrten. Die Hundchen, die wir noch kurz vor dem Start liebkost hatten, schienen zu grinsen.

Von nun an ging es auf der vorgesehenen Route und ohne Komplikationen weiter, sieht man davon ab, daß die Hunde offenkundig das Novizentum ihres Schlittenführers erkannt hatten. Bereits an der nächsten Steigung stellten sie spontan die Arbeit ein, auch mit den wildesten Flüchen ließen sie sich immer nur ein paar Meter vorantreiben. Erst als ihr Herr und Besitzer mit einem dröhnenden Snowmobil in der Spur auftauchte, um nach seinem überfälligen Gespann zu schauen, machten sie sich wieder auf die Pfoten. Ich hatte mir das herrlich und entspannend vorgestellt, so wie in den Arktisfilmen, wenn die Eskimos hinten auf den Kufen stehen und die Hunde sich vorne abrackern. Jetzt rackerte ich mich ab, rannte vor allem an Steigungen keuchend bergauf und schubste den Schlitten über die Hindernisse, ein kräfteverschlingender Dauertrimm. Bereits nach einer halben Stunde ließ ich mich auf dem Führerstand (der eher ein Mitläuferstand ist) ablösen. Unglaublich, daß einst auf diese Weise die Arktis erobert wurde.

Der Hundeschlitten, vor allem aber des Snowmobils wegen waren wir mitten im Januar nach Ontario geflogen. Wir wollten einen Wintersport erproben, der mit lästigen Brettern an den Füßen nichts im Sinn hat. Wir hätten es ein wenig näher haben können, zumindest, was die Motorschlitten angeht. In Mitteleuropa sind sie zwar, aus gutem Grund, verboten; es sind schon lärmende Geräte, sie in St. Anton oder St. Moritz zu wissen, wäre ein Alptraum. In Skandinavien kann man aber mit den zweisitzigen Raupenfahrzeugen in einigen Regionen herumkurven; erst in den dünnbesiedelten kanadischen Weiten jedoch machen die knatternden Zweitakt-Zweizylinder, die bis zu 100 Stundenkilometer schnell sind, auch als touristisches Programm einen Sinn. In allen kanadischen Provinzen gibt es nämlich Snowmobil-Clubs, die abseits der Straßen Fahrspuren durch die verschneite Landschaft anlegen und diese meist durch Schutzgebiete oder Wildnisregionen führenden „trails“ auch warten. Die Spurenwege sind den Dimensionen des zweitgrößten Landes der Welt angemessen: Sie führen oft über Hunderte von Kilometern, auf denen man bisweilen für Stunden keinen Menschen trifft.