Hervorragend

"Victor/Victoria" von Blake Edwards. Ganz am Anfang liegt ein Mann mit einem Mann im Bett. Ganz am Ende finden sich ein Mann und eine Frau, die als Mann auftritt, der sich als Frau verkleidet. Und währenddessen verbeugt sich auf der Bühne der Mann vom Anfang, der sich nun als Frau verkleidet (und wohl auch gerne eine wäre). So verwirrend geht es zu in dem von Blake Edwards mit meisterlicher Eleganz inszenierten Reigen sexueller Ambivalenzen, der auf einer fünfzig Jahre alten Ufa-Komödie von Reinhold Schünzel basiert. Nach dem Motto "Nobody is perfect" (der Schlußpointe von Billy Wilders "Manche mögen’s heiß", einem Film von ähnlichem Witz) suchen in einem luxuriös ausgestatteten Kulissen-Paris die Damen/Herren Julie Andrews (damals: Renate Müller), Robert Preston (Hermann Thimig) und James Garner (Adolf Wohlbrück) nach ihrer sexuellen Identität. Ein Spiel mit vielen Rollen und vielen Ungewißheiten, voller Ironie, aber ohne den trüben Blick des Spießers. Natürlich kann Blake Edwards, nicht erst seit "Ten" (Die Traumfrau) der beste amerikanische Komödienregisseur, 1982 viel weiter gehen als Reinhold Schünzel 1933, doch er findet eine höchst delikate Balance zwischen Romantik und Zynismus, Subtilität und Slapstick. Wer immer noch nicht glaubt, daß Julie Andrews (privat Mrs. Edwards) eine aufregende Filmschauspielerin ist, kann sich hier eines besseren belehren lassen: obwohl nicht sie, sondern Robert Preston die beste Rolle hat – als mit Würde und Weisheit gealterte "Tunte".

Hans-Christoph Blumenberg

Lustvoll

"Catch your dreams" von Moritz Boerner kann man sich ansehen, aber nicht deshalb, weil es ein besonders guter Film wäre. Handwerklich ist er von sehr schlichter Art. Die pornographischen Szenen sind jeweils mit einer absolut naheliegenden Musik unterlegt, und immer dann, wenn dem Regisseur kein Übergang zum nächsten Bild einfällt, blendet er jenes bläulich leuchtende, nächtliche Schloßgebäude ein, in das sich ein halbes Dutzend junger Damen und Herren eingefunden hat, um herauszufinden, wieviel Lust sie sich gegenseitig bereiten können. Resultat: allerhand Lust, was insofern allerhand ist, als die Teilnehmer sich vor ihren Übungen völlig fremd waren. Die Kamera ist immer dabei. Offenbar wurde das von niemandem als Handicap empfunden. So sieht man denn einen Pornofilm, der sich dadurch von einem Pornofilm unterscheidet, daß er seinen Akteuren sichtbarlich Lust bereitet. Insofern handelt es sich um einen Dokumentarfilm, der davon berichtet, daß trotz des überall wieder lispelnden Gouvernantentums die Lust an der Lust nicht tot ist. Das ist eine tröstliche Nachricht, und weil dieser Film sie uns freundlich und anschaulich übermittelt, ist er sehenswert. Allerdings ist er etwas zu freundlich, zu harmlos. Das, was eine solche konkrete Utopie auch bedeuten könnte, nämlich den schönen Schrecken der Anarchie, davon weiß der Film nichts – im Gegensatz zu seinen Akteuren: die nämlich sprechen (in Interviews aus dem Off) durchaus von ihren Ängsten, "zu weit zu gehen". Dieser Film geht nicht zu weit, wenn auch vielen besorgten Zeitgenossen weit genug.

Ulrich Greiner

Empfehlenswerte Filme

"Der Depp" von Herbert Achternbusch. "Eine Sonn mernachts-Sexkomödie" von Woody Allen. "Die Fantome des Hutmachers" von Claude Chabrol. "Normalsatz" von Heinz Emigholz. "Yol" von Yilmaz Güney und Serif Gören. "Von Mao zu Mozart" von Murray Lerner. "Accattone" von Pier Paolo Pasolini. "E. T. – Der Außerirdische" von Steven Spielberg. "Der Saustall" von Bertrand Tavernier. "Der Stand der Dinge" und "Hammett" von Wim Wenders.