Von Rainer Henning

Den Florentiner Amerigo Vespucci erinnerten die indianischen Pfahlbauten in den Lagunen der Küste an Venedig, er, der dem ganzen Kontinent seinen Namen gab, taufte so auch eines seiner ungewöhnlichsten Länder: Klein-Venedig – Venezuela. Wollte man den heute eher auf Öl denn auf Wasser gebauten Staat beschreiben, bedarf es weltumspannender Vergleiche: ein gerüttelt Maß Spanien, etwas Märkisches Viertel, zerteilt von US-Highways nebst US-Straßenkreuzern, reichlich karibischer Strand und afrikanischer Busch, etwas Rotterdamer Hafenidylle und schließlich eine Überdosis südländischer Lebenskunst.

Neuzeitliche Besucher aus der Alten Welt, die das touristische Niemandsland entdecken wollen, kommen allerdings kaum in Gefahr, mit derart früher Historie konfrontiert zu werden. Dafür aber um so mehr mit Simon Bolivar, dem großen Freiheitskämpfer der Nation, der das Land von den spanischen Besatzern befreite. Auf Reiterstandbildern prangt er in der Mitte jedes noch so kleinen Dorfes, überwacht das Tun – meist ist es ein Nichtstun – in allen Amtsstuben, ziert jedes Geldstück, gab zahllosen Straßenzügen seinen Namen, Gebäuden, Zigarettenpackungen und, und, und. In diesem Jahr, wenn es gilt, die 200. Wiederkehr der Befreiung zu feiern, wird sie wohl überschlagen, die Bolivar-Begeisterung.

Natürlich trägt auch der Flughafen am Karibischen Meer Bolivars Namen. Die Kapitale Caracas liegt 25 Kilometer landeinwärts, abgetrennt durch einen 2000 Meter hohen Andenausläufer. Wer ihn überwindet, um in der Zweieinhalb-Millionen-Stadt das Abenteuer zu suchen, das der exotisch klingende Name suggeriert, wird vergeblich fahnden. Keine Spur von der Eleganz etwa der Züricher Bahnhofstraße, der Geschäftigkeit der römischen Via Veneto oder der Großzügigkeit der Pariser Champs Elysées. Nichts von alledem. Das Weltstädtische wird in Kubikmetern Beton gemessen. Caracas enttäuscht. Raphael Millan, freundlich-phlegmatischer Chauffeur eines verbeulten Chevy-Taxis, glaubt zu wissen, woran das liegt, und seine Meinung ist in Südamerikas reichstem Land öfter zu hören: "Der Ölboom ist schuld. Erst hat er die Preise verdorben und dann die Menschen. Das Öl hat die Armen ärmer und die Reichen reicher gemacht."

Mitschuld an dieser Entwicklung tragen die politischen Parteien Venezuelas, deren Spektrum gerade von den rechten Rechten (den Grünen) bis zu den linken Rechten (den Weißen) reicht. In schöner Regelmäßigkeit wechseln sie sich in der Regierungsverantwortung ab; auch bei ihren Programmen herrscht Einigkeit: Vorrangig ist beider Streben nach billigem Benzin. Ihre Popularität wird durch den Erfolg begründet. Knapp acht Pfennig kostete jahrelang diese staatlich subventionierte Energie, der Dieselkraftstoff gar nur drei Pfennig. Erst die jüngsten weltweiten Produktionsdrosselungen, verbunden mit enormen Einnahmerückgängen, brachten den Ölstaat Venezuela in Bedrängnis. Der Literpreis wurde drastisch erhöht und liegt jetzt bei 60 Pfennig für Super.

Das ist immer noch billig genug, um die schier endlose Autoschlange in den großen Städten nicht abreißen zu lassen, und immer noch lukrativ genug, um dem Urlauber den Mietwagen als das geeignetste Transportmittel zu empfehlen. Wohin er diesen lenkt, ist ausschließlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. "Klein-Venedig" ist so riesig (fast viermal größer als die Bundesrepublik), daß für jeden etwas dabei ist.

Vor allem Strand. Als der liebe Gott die Meeresküste verteilte, müssen die Venezolaner wohl gleich ein paarmal "hier" gerufen haben; weit über 3200 Kilometer haben sie bekommen. Zugegeben, nicht jeder Meter davon lädt zum Bade, nicht jede Bucht ist ansichtskartenwürdig. Vor allem die Westküste, die Gegend um die Ölhauptstadt Maracaibo, muß man nicht unbedingt gesehen haben.