Von Erich Häuser

Mit moralisch erhobenem Zeigefinger bangten deutsche Kommentatoren schon um den "Frieden" im Meer der Europäischen Gemeinschaft (EG). Die siegreich von den Falklands heimgekehrte Royal Navy werde auf armselige dänische Schiffer schießen, sorgten sich sensationslüsterne Gazetten. Doch dem smarten "Wikinger" Kent Kirk, 34, aus Esbjerg, widerfuhr außer Seekrankheit keine physische Unbill. Die Aufbringung seines 140-Tonnen-Trawlers "Sandkirk" beim Sprottenfang in der britischen Zwölf-Seemeilen-Zone vor Newcastle vollzog sich ohne Waffengewalt. Die von Kirk mitgenommenen zwei Dutzend Journalisten werden kaum umhin können, ihre Reise als pure Zeitverschwendung zu beklagen.

Ob sich für den konservativen Europaabgeordneten Kirk – sieht man von der Publicity ab – die Reise gelohnt hat, ist mehr als fraglich. Ihm ging es darum, das vermeintliche Recht aller EG-Fischer durchzusetzen, vom 1. Januar 1983 an bis an die Küste jedes anderen Landes der Gemeinschaft Fischfang zu treiben. Denn von diesem Tag an hätte die in den Artikeln 100 und 101 des britisch-dänisch-irischen EG-Beitrittsvertrages vom 22. Januar 1972 festgelegte Übergangslösung durch eine neue Gemeinschaftsregelung ersetzt werden müssen. Dies hatte die dänische Regierung verhindert, weil dem zuständigen Kopenhagener Parlamentsausschuß, dem sogenannten "Marktausschuß", die Dänemark zugebilligten Fangquoten zu niedrig erschienen.

Doch ehe der Fall des Fischers Kirk beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg auf den Tisch kommt, muß der Instanzenzug britischer Gerichte durchgeprobt werden. Nach Ansicht von Experten kann das etwa sechs Monate dauern. Vorher werden entweder die Europarichter schon mit Klagen Dänemarks oder der EG-Kommission befaßt sein, oder im EG-Ministerrat wird nach dem Akt der Emotionen die Vernunft gesiegt haben.

Was Fischern – aber nicht nur den dänischen – offenbar nur sehr schwer in die Köpfe will, ist die Notwendigkeit, sich zum Schutz der Fischbestände einzuschränken. Ehe bei fast allen Nordatlantikstaaten die Fangquoten festgelegt wurden, hatte sich beispielsweise die von britischen, deutschen und französischen Fischern heimgebrachte jährliche Kabeljau-Beute von 715 000 Tonnen 1964 auf 323 000 Tonnen 1974 mehr als halbiert, trotz – beziehungsweise wegen – ständig verbesserter Fangmethoden. Für das Überfischen des Herings büßten die Nordseeanlieger Ende der siebziger Jahre mit einer mehrjährigen saisonalen Fangpause. Die 1975 von Island und 1977 dann von den übrigen Nordatlantik-Anliegern eingeführten 200-Seemeilen-Zonen waren notwendige Fortschritte gegen den Raubbau. Für die deutschen, dänischen und niederländischen Fischer war dabei die Rechtskonstruktion des EG-Meeres ein wahrer Glücksfall. Ihre Fangmöglichkeiten wären sonst viel beträchtlicher geschrumpft. Das wenigstens scheinen die dänischen Fischer begriffen zu haben, die noch 1972 erbittertste Gegner des EG-Beitritts waren.

Obgleich die Dänen in den letzten zehn Jahren auch ein Drittel ihrer Fangflotte aufgeben mußten, unterhalten sie mit 3 200 Trawlern immer noch eine beträchtliche Fischereiindustrie, an der mit den Verarbeitungsbetrieben – vor allem auch der umstrittenen Fischmehlfabriken – zwei Prozent der Erwerbsbevölkerung verdienen. Fünf Prozent der Exporte des Landes sind Fischereierzeugnisse.

Im EG-Meer wird seit 1977 mit jährlichen Fangquoten gearbeitet. Daß die Dänen diesmal so hart kämpfen, hat einen plausiblen Grund: Die prozentuale Aufteilung der jeweils meeresbiologisch vertretbaren EG-Gesamtfangmenge (TAC) auf die einzelnen Mitgliedsstaaten soll von 1983 an automatisch fortgeschrieben werden, weil nunmehr die "gemeinsame Fischereipolitik" praktisch komplett ist. Seit 1980 bestehen schon gemeinsame Regelungen für die zulässigen Netz-Maschenweiten und die Fanggeschirre. Ein gemeinschaftliches Kontrollsystem für die Fangergebnisse ist eingerichtet, die 1970 eingeführte Fisch-Marktordnung wurde überarbeitet, es gibt einen Strukturfonds für die Modernisierung oder Stillegung von Fischkuttern.