Bonn

Die Klage wird abgewiesen" steht im Vorgang II C 191/82 des Amtsgerichts Bonn. Richter Blüm hat im Namen des Volkes entschieden, daß die Beklagte (Stadt Bonn) an den Kläger (Kurt W.) 36 Mark für zwei Theaterkarten nicht zurückzahlen muß.

Die Vorgeschichte: Am 24. Oktober 1981 besuchte Kurt W. im Bonner Theater eine Aufführung des Kleist-Dramas "Penthesilea". Dem Kleist-Kenner blieb Begeisterung versagt; er verließ den Musentempel in heller Empörung. Den Grund dafür formulierte Richter Blüm so:

"Der Kläger ist der Ansicht, die Inszenierung des Stückes habe sich so stark vom Original unterschieden, daß es nicht wie oben (Penthesilea, Trauerspiel von Heinrich von Kleist) hätte angekündigt werden dürfen. Vielmehr hätte man einen Zusatz machen müssen, der auf die vom Original abweichende Bearbeitung hingewiesen hätte." Beispielsweise "Trauerspiel nach Kleist".

Vieles, was dem kenntnisreichen Theaterbesucher W. lieb und wert war, fand er in Peter Eschbergs Bühnenfassung nicht wieder. Nur zu 38 Prozent – so rechnete Kurt W. penibel nach – waren Kleists Original-Penthesilea-Verse in der Inszenierung auffindbar. Kurt W. sah sich als Verbraucher getäuscht und beschritt den Rechtsweg.

Es ging nicht nur um die 36 Mark Eintrittsgeld. Richter Blüm mußte auch über höhere Werte Recht sprechen: "Unstreitig ist in der vorliegenden Inszenierung der Penthesilea der Originaltext von Heinrich von Kleist rezitiert worden. Die vom Regisseur vorgenommenen Kürzungen und Regieanweisungen müssen dabei als zulässig angesehen werden. Nach dem heutigen Kunstverständnis ist nämlich die Regiearbeit als künstlerische Arbeit anzusehen. Hierbei muß dem Regisseur eine gewisse Gestaltungsfreiheit eingeräumt werden, die seiner künstlerischen Eigenart entspricht und es ihm erlaubt, in seinem Werk seine individuelle Schöpferkraft und sein Schöpferwollen zum Ausdruck zu bringen. Unverkennbar hat sich auf den deutschen Bühnen der Gegenwart eine starke Neigung zu einer aktualisierenden und kritischen Aufführungsweise von Stücken der Klassiker herausgestellt. Diese auch dem Kläger bekannte Tendenz bewirkt eine, ‚Umfunktionierung‘ (B. Brecht) eines Textes, wobei unter neu zu bestimmenden ideologischen oder ästhetischen Gesichtspunkten neue Schwerpunkte gesetzt werden...

Diese vom erkennenden Gericht vertretene Auffassung verstößt auch nicht gegen den vom Kläger vorgetragenen Gedanken des Verbraucherschutzes. Der interessierte Theaterbesucher hat nämlich vielfältige Informationsmöglichkeiten, insbesondere durch die Tagespresse..."