"Eis auf der Elbe", Tagebuchroman von Ingeborg Drewitz. Die Autorin, die am 10. Januar sechzig Jahre alt wurde, bleibt sich in ihrem jüngsten Roman treu: mit einem epischen Frontalangriff auf die Probleme unserer Zeit, alle auf einmal, die augenblicks dringendsten auf ihre Erzählfiguren verteilend. Es entsteht das Berliner Gruppenbild mit einer Dame, die als Rechtsanwältin mitten auf die Kreuzung gesellschaftlichen Konflikttreibens plaziert ist. Gleichzeitig vertieft sie als Erinnerungsarbeiterin den Gegenwartsraum des Zeitgeistes, der verhandelt wird, in die Vergangenheit. Eine Figur, die schreibend einsammelt, "was mein Leben war", und lebend quer durch das Zeitgenössische jagt, in rastlosem Einsatz für ihre Kinder und Klienten. Es geht um das kranke Berlin und seine Türken-Frage, die Einsamkeit der Alten und die kriminelle Fluchthelferszene, das Hausbesetzerproblem und die enttäuschte 68er Generation, die Mühe mit dem Anschluß an die Gegenwart hat. Und es geht um den Konflikt zwischen einer Elterngeneration, die zeitlebens mit Überleben beschäftigt war, und einer Jugend, die sich von ihr ins alternative Leben entfernt. Der tapfere Lebenskampf einer Gerechten, der sich im Schein von Glaube und Hoffnung ereignet. (Claassen Verlag, Düsseldorf, 1982; 207 S., 24,80 DM.) Sibylle Cramer