Die Carl-Severing-Berufsschule in Bielefeld ist seit kurzem um 38 Schüler ärmer. Zehn Bielefelder Buchhändler haben ihre – volljährigen – Lehrlinge mit deren Zustimmung abgemeldet und eine private Buchhändlerberufsschule gegründet, das "Bildungszentrum Bielefeld". Kosten pro Jahr: 22 500 Mark.

Wenn Unternehmer freiwillig Geld für etwas ausgeben, das sie andernorts gratis erhalten könnten, schöpfen die Gewerkschaften Verdacht. So auch hier: Die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen befürchtete, daß nur noch "praxisnahe, betriebsorientierte, angepaßte, kritiklose, dem Unternehmer verbundene Mitarbeiter" ausgebildet werden sollten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rief in Sorge um die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder an den öffentlichen Berufsschulen, zu einem Boykott der beteiligten Buchhändler auf.

Worum geht es den Neuerern? "Für zukünftige qualifizierte Buchhändler ist ein ordentlicher Literaturunterricht ein Muß. Auch Buchhändler müssen lesbare Rezensionen schreiben können. Dazu brauchen sie mehr als die Kenntnis von Buchrücken und Waschzetteln!" sagt Hanna Vahle von der Universitätsbuchhandlung Phoenix entschieden.

Gerade das Fach Literatur sei aber, und die elf Phoenix-Auszubildenden hätten sich darüber massiv beschwert, an der Carl-Severing-Schule entweder ausgefallen oder miserabel unterrichtet worden.

Ulrike Kurth, die Leiterin der privaten Berufsschule, sagt: "Fast alle unsere Schüler sind 18 Jahre oder alter, fast alle haben Abitur. Die kann man in Religion und Sport nicht mit 15jährigen zusammenstecken. Im übrigen: In diesem Alter sollte beides privat bleiben." Beides steht deshalb auch nicht auf dem privaten Lehrplan.

Die Klassen sind, wie üblich, nach Lehrjahren sortiert. Dank der Auswahlkriterien der Buchhändler bei der Einstellung sind die Gruppen etwa gleichaltrig. Als Vorteil bezeichnet das "Bildungszentrum" weiter, daß es klein und übersichtlich, damit auch flexibel sei. Für die Buchhändler bedeutete das ganz praktisch, daß auf das Weihnachtsgeschäft besondere Rücksicht genommen werden konnte: Im Advent mußte ein Viertel bis ein Drittel des Jahresumsatzes geschafft werden. Folgerichtig gab es im Dezember auch keinen Unterricht. Das gesamte Pensum wurde an einem Wochentag, erledigt gegenüber zweien in der öffentlichen Berufsschule.

Die Gründung des Bildungszentrums hat offensichtlich auch die Leitung der Carl-Severing-Schule gesprächsbereiter gemacht. Noch vor Monaten waren die Buchhändler bei der Bitte um einen Gesprächstermin auf den Elternsprechtag verwiesen worden, jetzt sitzt man wieder am runden Tisch. Ein "Buchhändler-Schulausschuß" soll zukünftig Probleme einvernehmlich lösen helfen. Allein die Existenz eines privaten Alternativangebotes hat zu einer Aufweichung starrer Positionen geführt – und damit gleichzeitig die wirtschaftliche Existenz der privaten Berufsschule in Frage gestellt: Wenn die Buchhändler mit der öffentlichen Schule ähnlich flexibel zusammenarbeiten könnten, wäre eine zusätzliche Geldausgabe sinnlos. Ulrike Kurth wehrt solch lästige Fragen für das "Bildungszentrum" ab: "Bis 1985 haben wir einen Vertrag mit den Buchhändlern. Was danach kommt, weiß heute niemand."