Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Januar

Das Rotlicht, mit dem die Kolonne durch Moskaus rush-hour jagt, sticht in die Augen. In rasendem Tempo geht es über die Kreuzungen der Metropole. Die neoklassizistischen Pompbauten der Bürokratie, die Wohnsilos und die Fabriken fliegen vorbei und verschwimmen im Schlackerschnee dieses trübwarmen Januars zu einer endlos grauen Fassade. Der übrige Verkehr steht fast still; alles, was sich noch bewegt, wird von den Milizionären mit herrischen Gesten an den Straßenrand gedrängt: hunderte klappriger Lastwagen, Taxis, Privatautos. Die Weltmacht Sowjetunion schafft freie Bahn für den Kanzlerkandidaten der SPD.

In der Karosse für höchste Staatsgäste, dem neuen SIL, braust Hans-Jochen Vogel an den Ostrand der Stadt, nach Lublino, zu den Gräbern von 600 gefallenen deutschen Soldaten. Zu dieser Stunde am Dienstagnachmittag hat er seinen zweiten Weltbühnen-Auftritt für das Bonner Wahltheater gerade hinter sich. Drei Stunden sind es geworden bei Jurij Andropow, dem Generalsekretär der östlichen Weltmacht. Vogel ist der erste westliche Politiker, mit dem der neue Kreml-Chef so ausführlich gesprochen hat – denn Andropows Begegnungen mit den offiziellen Trauergästen bei Breschnjews Beerdigung waren ja nur kurze Höflichkeitsvisiten. Wie sieht Jochen Vogel, dessen Reisediplomatie bis eben noch ihre Grenzen zwischen Berlin und Hessen-Süd fand, sich selbst und seine Möglichkeiten auf der neuen Bühne?

"Ich verkenne nicht", so sinniert er im Fond der riesigen Limousine, "daß ich vor den beiden Reisen mit mir zu Rate gegangen bin: Hast Du das im Kreuz? Ist das alles angemessen? Dann habe ich mich an frühere Stationen meines Lebens erinnert und mir gesagt: Ich habe immerhin die Chance, etwas Positives daraus zu machen." Und noch nachdenklicher fügt er, nach einer kleinen Pause, hinzu: Die größte Sorge bereite ihm das Mißtrauen, mit dem seine beiden Gesprächspartner in Washington und in Moskau auf die jeweils andere Supermacht gestarrt hätten. "Mit Überzeugungsversuchen sondergleichen und mit einer Riesenskepsis liegen einem da beide in den Ohren..."

Und fast selbstvergessen, so als habe er eine ganze Weile in sich hineingehorcht, nickt Vogel: "Ja, hier habe ich doch eine Aufgabe empfunden: innerhalb weniger Tage beiden Männern zu sagen, welche Erwartungen und Hoffnungen auf sie gerichtet sind." In Moskau hat der SPD-Kanzlerkandidat da mehr Möglichkeit zum "Respondieren" gehabt, weil ihm Andropow ungleich mehr Zeit einräumte als Reagan. Aber als "Interpret" wie Helmut Schmidt hat er sich auch in der Sowjetmetropole nicht gefühlt: "Ich in meiner gegenwärtigen Funktion kann allenfalls deutsche Interessen vertreten."

Vogel bleibt auf der ganzen Fahrt nachdenklich, er triumphiert nicht wie nach einer siegreichen Mission, er wirkt allenfalls wie ein Mann, der seiner Sache ein Stück sicherer geworden ist: "Die Behauptung, daß Vogel die Landesgrenzen nicht überschreiten sollte, läßt sich nicht aufrecht erhalten."