Von Peter Sager

Stonypath, ein Bauernhaus in den Pentland Hills, rund 50 Kilometer südwestlich von Edinburgh. Ein Schild an einem Holzzaun warnt Besucher auf deutsch: "Achtung, Minen!" Aus einem Scheunentor, mit Tarnnetzen verhängt, zielt das Geschützrohr eines Mk IV-Panzers: "You are now entering Little Sparta." Irgendwo im Hintergrund schnattern die Gänse.

Spielt hier ein Bauer Krieg? Wohnt hier ein pensionierter Offizier? In Stonypath lebt Schottlands streitbarster (manche meinen: streitsüchtigster) Künstler, der 57jährige Ian Hamilton Finlay. Auch wenn das Geschützrohr nur Attrappe ist und seine Kunst das einzige Minenfeld: Diesmal meint Finlay es ernst. Stonypath ist ein Künstlergarten im Belagerungszustand. Stonypath droht die Zwangsversteigerung. Schon hat die zuständige Behörde (Strathclyde Region Council) drei Dryaden gepfändet, "in Her Majesty’s Name and Authority", und die Baumnymphen-Skulpturen rüde aus Finlays Arkadien geraubt.

Der Anlaß: eine Zahlungsaufforderung des Finanzamtes. Das Streitobjekt: ein Garten-Cottage mit Arbeiten des Meisters. Dies sei eine kommerzielle Galerie und unterliege der Gewerbesteuer, erklärt das Finanzamt. Dies sei ein Gartentempel, Apoll und den Musen geweiht, korrigiert der Künstler, und für sakrale Gebäude gelte der halbe Steuersatz.

Eine Provinzposse, ein schottischer Schildbürgerstreich? "Sie verstehen den Unterschied nicht, diese Bürokraten", zürnt der Künstler, "sie akzeptieren das Konzept des Gartens nicht, sie haben ihn sich nicht einmal angesehen."

Zu sehen ist dies: ein Garten voller Gedichte, Zeichen und Zitate, in Stein graviert, in Holz geschnitten, auf Bänken, Fliesen, Säulen und Sonnenuhren. Auf einer Insel in einem kleinen See hat Finlay Dürers Aquarell "Das große Rasenstück" live zitiert, mit Gräsern und Wasserpflanzen; auf einem kleinem Stein ist das gemeißelte Monogramm A D zu erkennen – poetischer, ironischer Hinweis auf die Dialektik von Natur und Kunst.

Ian Hamilton Finlays Garten ist ein Wortspielplatz, ein Ort der blühenden Phantasie, der versteckten Anspielungen und Analogien. Auf einem Sockel im Teich steht ein Miniaturflugzeugträger aus Stein, auf dem die Vögel landen. Hinter Grasbüscheln am Ufer ragt das "Nuklear-Segel" empor, eine Stelle aus poliertem Schiefer, wie der Kommandoturm eines tauchenden Atom-U-Boots. Menetekel in Arkadien, martialische Idylle, Signale aus dem verlorenen Paradies.