Von Hermann Rudolph

Stuttgart, im Januar

Wie könnte es auch anders sein: In diesen Wahlkampf, willkürlich aus dem Boden gestampft, stolpern alle Parteien Hals über Kopf hinein. Doch im Falle der Freien Demokraten scheint dabei noch eine hintersinnige Regie zu walten. Sie läßt den Auftakt dieser Auseinandersetzung einen langen, nachdenklich machenden Schatten werfen – so, als suche die FDP in magischem Glauben ihre eigenen, halb verwehten Spuren, um sich Mut zu machen.

Denn daß die FDP diesen Wahlkampf, bei dem es um ihr Sein oder Nicht-Sein geht, mit einer grundsatzschweren Rede des Soziologen Ralf Dahrendorf beim Stuttgarter Dreikönigs treffen, begann, verdankte sich natürlich, in erster Linie, strategischem Kalkül und günstigen Umständen: dem Wunsch des baden-württembergischen FDP-Vorsitzenden Morlok, seinem Landesverband Profil zu geben, und dem Entschluß des einstigen FDP-Landtags- und Bundestagsabgeordneten, Staatssekretärs und Europa-Kommissars, in die deutsche Politik zurückzukehren. Doch zugleich rief es die Erinnerung daran zurück, daß Dahrendorf auf den Tag genau vor fünfzehn Jahren beim gleichen Anlaß, dem Dreikönigstreffen 1968, schon einmal die Erneuerung der FDP zum Programm gemacht hatte. Der Bundesparteitag, mit dem die FDP Ende des Monats in Freiburg ihrem Überlebens-Kampf Nachdruck geben will, wird diese Vergangenheits-Beschwörung fortsetzen: Am gleichen Ort, zum gleichen Datum stellte vor ebenfalls fünfzehn Jahren, Ende Januar 1968, ein Parteitag mit der Wahl Walter Scheels zum Vorsitzenden die entscheidende Weiche für die neue FDP.

Schon die alten Philosophen wußten indessen, daß man nicht zweimal in denselben Fluß steigen kann. Die Übereinstimmung der Daten und Anlässe läßt denn auch, so scheint es, die Unvergleichbarkeit nur um so deutlicher hervortreten. Sie beleuchtet grell die Kluft, die zwischen damals und heute liegt: 1968 war die FDP auf dem Weg zur sozial-liberalen Koalition, am Anfang des Jahres 1983 ist sie dabei, sich aus den Trümmern dieser Koalition herauszuarbeiten; damals löste sie sich aus der Rolle einer Mittelstandspartei, heute scheint sie eher auf dem Weg dorthin zurück; seinerzeit, dies vor allem, operierte sie im Aufwind des Zeitgeistes, während sie gegenwärtig eher verzweifelt gegen die allgemeine Stimmung zu kreuzen versucht.

Der Blick zurück lehrt freilich auch, daß dieser Eindruck so ganz nicht stimmt. Denn in einem halsbrecherischen Manöver befand sich die FDP auch damals: allein gegen alle, nämlich als winzige Opposition gegen die übermächtige Große Koalition von Union und SPD, dazu bedroht mit dem Damoklesschwert einer Wahlrechts-Änderung, die ihr die politische Existenz nehmen sollte. Ihre Zukunft war also auch 1968 keineswegs so sicher, wie es sich aus heutiger Sicht ausnimmt.

Aber die historische Parallele ist für die FDP ein schwacher Trost. Denn Ihre Lage ist gegenwärtig bei weitem prekärer. So tief unter die existenzerhaltende Fünf-Prozent-Grenze wie nach dem Koalitionswechsel im Herbst ist sie noch nie geduckt worden. Und alle Versuche, Tritt zu fassen, stehen unter dem Vorzeichen des Wahltermins vom 6. März.