Von Günter Haaf

Sie sind "wohl die einzigen Reptilien, denen der Mensch ohne Vorurteil begegnet", heißt es in Grzimeks Tierleben. "Im Gegenteil – der Kreis der Schildkrötenfreunde ist überraschend groß." In der Tat hat das urtümliche, seit mehr als 200 Millionen Jahren die Erde bevölkernde Echsen-Geschlecht jede Menge Freunde. Und "Freunde".

Die "Freunde" schätzen den Panzer als urigen Wandschmuck, das Fleisch der Suppenschildkröten als Delikatesse und das feingemaserte Schildpatt der Echten Karettschildkröte als edle Brillengestelle. So groß ist die "Freundschaft", daß vor allem die Meeresschildkröten stark vom Aussterben bedroht sind. Deshalb darf nach dem von 75 Staaten anerkannten "Washingtoner Artenschutzübereinkommen" (WA) von 1973 kein Handel mit Schildkröten oder Schildkrötenprodukten getrieben werden.

Nationale Vorschriften und internationale Vereinbarungen sind freilich, zum Kummer der echten Tierfreunde, nicht besser als die jeweilige Überwachung. Und so mußten zwei besonders große Freunde der Schildkröten, das Ehepaar Brigitte und Günther Peter aus Korntal bei Stuttgart, die schmerzliche Erfahrung machen, daß durchaus sein kann was nicht sein darf.

Die begeisterten Sporttaucher aus dem Schwäbischen hatten im September 1981 eine Reise nach Indonesien gebucht. In Benoa auf Bali wollten sie eine Schildkröten-Zuchtfarm besichtigen. Doch das vermeintliche Touristenprogramm entpuppte sich als Horrortrip, als "reinstes Massaker an Massenvernichtung und Tierquälerei": Ein Schiff landete 175 ausgewachsene Meeresschildkröten an. "Ihre Vorderflossen waren zusammengebunden, so daß sie mit Bambusstöcken umhergeschleppt werden konnten", erinnert sich Günther Peter. "Viele lagen schon lange in der brennenden Sonne. Wir konnten deutlich ihr Stöhnen und Schreien hören."

Das Entsetzen saß tief. Die Peters fanden heraus, daß die Tiere – weibliche Suppen- und Echte Karettschildkröten – im indonesischen Teil Neu-Guineas aufgesammelt und erst drei Wochen später in Benoa zum Schlachten ausgeladen werden. Zwanzig Schiffe sollen im Pendelverkehr mindestens zehntausend Tiere jährlich anlanden. Und noch etwas erfuhren die deutschen Touristen: Die meisten Schildkröten waren für den Export nach Japan und Europa bestimmt – obwohl dies nach dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen, dem auch Indonesien zugestimmt hat, eigentlich nicht sein durfte.

Zuhause in der württembergischen Etagenwohnung schlug das Entsetzen in Wut um, auch Arbeitswut. Ohne Rücksicht auf Zeit und Kosten schrieb vor allem Günther Peter, Ingenieur und Spezialist für Computer-Programme, Briefe an jede Institution, die etwas mit dem Meeresschildkröten-Massaker zu tun haben könnte. Rasch gewann das Ehepaar die Unterstützung des Verbandes deutscher Sporttaucher und der Welt-Wildtier-Stiftung (WWF), der Frankfurter "Zoologischen Gesellschaft" um Professor Bernhard Grzimek und der Umweltkampfgruppe "Greenpeace": Alle vier Gruppen tragen die Aktion "Rettet die Schildkröten". Rasch bestätigte sich auch Peters Verdacht, daß der WA-Vertragsstaat Bundesrepublik beim weltweiten Geschäft mit Schildkrötenprodukten eine große Rolle spielt.