Es gibt außergewöhnlichere touristische Unternehmungen als eine Reise nach Tunesien. Aber eine Tunisreise hat es nur einmal gegeben, 1914: jenen Osterspaziergang der Maler Klee, Macke und Moilliet ins Afrikanische. Im vergangenen Herbst berichtete das ZEITmagazin über dies farbige Ereignis; die Originale der künstlerischen Früchte des Ausflugs sind jetzt im Westfälischen Landesmuseum Münster ausgebreitet.

Für Klee war es ein Unternehmen von nicht einmal zwei Wochen, die anderen blieben ein paar Tage länger. Klee war mit dem Vorsatz gereist, Maler zu werden, Farbe zu begreifen. Und prompt konnte er in sein Tagebuch die damals berühmt gewordenen Sätze eintragen: "Die Farbe hat mich ... Sie hat mich für immer, ich weiß das..." Die "farbige Klarheit" nahm man als eine Offerte des Orients an – wie schon Delacroix und Matisse es getan hatten. Und als Klee vom Schiff aus die erste arabische Stadt vorbeiziehen sieht, steht für ihn noch ein anderes fest: Er würde auf "die Synthese Städtebauarchitektur – Bildarchitektur" hinarbeiten. Er wird ein Bild aus farbigen Bausteinen entwerfen. In einer bewegten orthogonalen Struktur wird er ihr erst durch eingestreute Formkürzel Namen geben: Palme, Berg, Kamel. "Das Ried- und Buschwerk ist ein schöner Fleckryhthmus", schreibt er: Inhalt und Form sind dann in eine Gleichung gebracht.

Die drei jungen Maler, die da über Ostern in den Orient hereinschneien, sehen mit den Augen von Kubisten. Land und Leute zu studieren, dazu war nicht die Zeit. Und das war nicht Zweck und Ziel der Exkursion. Nach Tunesien ging man, um sich Farben und Formen anzueignen. Tunesien war als Bestätigung gedacht.

Was der Kunstgeschichte als "Die Tunisreise" eingeschrieben ist, war eine Reise in den "Orphismus". Der Reiseführer hieß nicht Baedeker, es war ein farbiger Kubist namens Robert Delaunay. Macke hatte ihn 1912 in Paris besucht, Klee im Jahr darauf seine programmatische Schrift "Über das Licht" übersetzt. Das "schönste Ziel" sei es, schreibt Macke vor dem Aufbruch in den Süden an den Freund Hans Thuar, die "raumbildenden Energien der Farbe zu finden". Hinter einer solchen Äußerung ist das Schlüsselerlebnis der "plans colores" Delaunays erkennbar.

Aufregend ist es – was Ausstellung und Katalog ermöglichen – die Maler nebeneinander arbeiten zu sehen. Macke, dem, wie er selbst sagt, "Arbeiten ein Durchfreuen der Natur" ist, und Klee, der, eher distanziert, immer den gestalterischen Grundsatz im Kopf hat. Der um acht Jahre jüngere Macke war da schon ein wenig mehr Tourist, empfänglicher fürs Lokalkolorit und die Folklore, ein bereitwilliger Schilderer des bunten Lebens auf den Straßen. "Stil", so will es manchmal scheinen, ist etwas, das er den Dingen spielerisch antut. Man merkt, wenn er sich vornimmt, einen Berg "kubistisch zu machen"; dem Himmel darüber teilt er davon nicht unbedingt etwas mit.

Eine vergleichende Betrachtung der Aquarelle und Zeichnungen Mackes mit Tunesien-Motiven deutet darauf hin, daß vieles nicht unmittelbar am Ort und vielleicht gar nicht mehr auf afrikanischem Boden gewachsen ist. Die dekorativ-ornamentalen Aquarelle "In der Tempelhalle", "Mann mit Esel", "Händler mit Krügen", deren Struktur die Kenntnis von Beduinenteppichen verrät, gehören dazu. Die aquarellierte Ansicht des Hafens von Hammamet etwa, relativ gegenstandsnah und tiefenräumlich gedacht, wird zum Ausgangspunkt für einen formal gestrafften Kompositionsentwurf. In einer Vorzeichnung für eine Stickerei auf Stoff verbindet der Maler dann die Hammamet-Reminiszenz mit einer hockenden Rückenfigur, für die ihm eins seiner Photos als Vorlage dient. Er bewegt seine Motive hin und her, vermischt, isoliert, abstrahiert, präzisiert im Sinne der Flächenordnung. Zurück in Europa, wird ihm auch das Photoalbum zur Materialsammlung.

Louis Moilliet, der als einziger schon in Tunesien gewesen war und als einziger noch öfter dorthin zurückkehrte, wird in seinen Formulierungen unkonzentrierter und immer blasser. Macke bleibt für das Nachleben der Orientreise kaum ein Sommer; Anfang August wird er Soldat, einige Wochen später fällt er im Krieg. Für Klee fängt die Arbeit mit dem letzten Blatt, das er vor der Mauer von Kairouan im Stehen malt, erst richtig an. Tunesien hatte ihm einen Horizont geöffnet. – Hammamet und Kairouan aber sind heute zuallererst das, was im Frühjahr vor dem Ersten Weltkrieg ein paar Maler mit Wasserfarbe und Stift daraus gemacht haben. (Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte bis 13. 2., Katalog 35 Mark). Volker Bauermeister