Als man dem amerikanischen Präsidenten Truman vorschlug, ein weiteres Mal zu kandidieren, lehnte er lakonisch ab: "Ich will das Weiße Haus nicht im Sarg verlassen." Helmut Schmidt müßte nicht resignieren, hätte er eine einzige seiner Krankheiten richtig auskurieren können – jeder Beamte nimmt sich das Recht dazu. Aber das Amt an der Spitze verlangt das Äußerste. Und ihre Familien? Rut Brandt und Mildred Scheel hat man wenigstens in dramatischen Augenblicken auf der Tribüne des Bundestages gesehen. Ihr Triumph, als das konstruktive Mißtrauensvotum Barzels gegen Brandt scheiterte, war bewegend und die Bilder davon Teil des Erfolges ihrer Männer. Helmut Schmidt hat dafür gesorgt, daß seine Tochter ihn im Bundestag, also dort sehen konnte, wo er seine Lebenskraft der Nation gab. Loki Schmidt zeigte uns das Fernsehen oft genug im Bundestag.

Nun kann man wohl meinen, man habe nur mit Brandt, Schmidt, Kohl zu tun, mit der Familie aber nichts. Die Gewählten gehören dem Amt und dem Volk, die Familie hat auf der amtlichen Tribüne auch als Zuschauer nichts zu suchen. In "Familie Mattscheibe" (DIE ZEIT Nr. 1/83) meint Helmut Schödel, spitz und witzig: "Im Deutschen Fernsehen sah man aus einem schwarzen Dienstwagen eine deutsche Kleinfamilie steigen: Papa Kohl, Mama Kohl und beide Söhne. Eine Mutter hatte die Nation schon vorher: Inge Meysel. Nun hatte sie einen Kanzler als Vater."

"Papa Kohl" wollte in den Bundestag. Dort sollte eine Kampfabstimmung, mit unsicherem Ausgang, entscheiden, ob Kohl Bundeskanzler werden würde oder nicht. Kohl wollte seine Familie dabei wissen. Vielleicht um Spannung und Unsicherheit mit ihm zu ertragen. Oder, bei guter Abstimmung, seine Freude zu teilen. Schödel dagegen findet: Kohl habe "deutlich mehr an der Geste und ihrer Wirkung als an der Sache gelegen". Woher weiß er das?

Welche Bindungen sind uns am wichtigsten – Familie, Nation, Europa, die Freunde, die Gemeinschaft aller Menschen? Für viele hat die Familie den ersten Rang. Kann sein, auch für Kohl, wer wollte ihm das Recht bestreiten. Die Familie an Ereignissen teilnehmen zu lassen, die oft auch ihr Leben bestimmen, scheint mir das Natürlichste von der Welt.

Freilich denkt man heute über die Familie unterschiedlich. Dem einen ist sie ein Feld ständiger Auseinandersetzungen. Die Kontrahenten müssen durch strenge Regeln zu vernünftigem Verhalten gezwungen werden. Das Recht der jederzeitigen Trennung aus beliebigem Grund gilt als Voraussetzung für den Erfolg der Ehe. Seit Strindberg uns mit dem Schrecken zwischenmenschlicher Beziehungen vertraut machte, hat diese Meinung Fundament. (Ibsen stritt für die Ehe, als er ihre Spannungen sichtbar und daher lösbar machte). Diese Düsternis einzukalkulieren, ist sicherlich "fortschrittlich". Da paßt dann nicht die "Familie im Bundestag".

Die andere Seite hält die Ehe für eine natürliche, gewiß zerbrechliche, aber doch auch in sich vernünftige Lebensgemeinschaft. Das ist sicher eher "koservativ". Vielleicht mag Kohl Frau und Kinder. Kann man da wirklich sagen: "Was geht die der politische Vater an"?

Nun, jeder soll dem anderen seine Meinung nachsehen. Für die Konservativen gehört das zum Metier. Auch die Fortschrittlichen sollten es, es schmückt.