Der Westen sollte den Kreml-Chef jetzt beim Wort nehmen

Von Marion Gräfin Dönhoff

An der Spitze des sowjetischen Imperiums hat sicher noch nie ein Mann gestanden, der über das, was in der Welt und auch im eigenen Lande vorgeht und gedacht wird, so verhältnismäßig ungefiltert informiert war wie Andropow – denn er war der bisherige KGB-Chef. Das politische Bild der obersten Führung wird im kommunistischen Staat, in dem es ja keine Öffentlichkeit gibt, sondern alles geheim bleibt, weitgehend durch die Berichte des Geheimdienstes geformt. Da aber eine solche Institution natürlich bestrebt ist, die Mächtigen nicht zu enttäuschen, entspricht das Bild, das diesen geliefert wird, sicher oft weniger den objektiven Fakten als dem, was jene gern hören möchten.

Dies ist eine Eigenheit des Ostens. Ost und West gemeinsam hingegen ist, daß der Nachfolger stets bestrebt ist, alles anders und, wie er meint, besser zu machen als der Vorgänger. Nikita Chruschtschow hat nach Stalins Tod zwischen 1953 und 1964 mit der Entstalinisierung die sowjetische Wirklichkeit in vielen Aspekten verändert: Millionen politischer Gefangener wurden damals entlassen, das Leben der Intellektuellen gestaltete sich ein wenig freier, und der Übergang vom Kalten Krieg zur Entspannung wurde allmählich vollzogen.

Der neue Generalsekretär der KPdSU hat in der kurzen Zeit, in der er seines Amtes waltet, nacheinander bereits drei wichtige Vorschläge zur Rüstungskontrolle gemacht. Erstens das Angebot, die sowjetischen Mittelstreckenraketen auf den Bestand derjenigen Englands und Frankreichs (162 Stück) zu reduzieren; zweitens die Anzahl der sowjetischen Interkontinentalraketen um ein Viertel auf 1800 zu kürzen; drittens einen Vertrag über die Nichtanwendung von Gewalt zwischen den beiden Paktsystemen abzuschließen. Letzteres mit der Erläuterung, daß Moskau bereit sei, sein früheres Angebot, auf den Ersteinsatz von nuklearen Waffen zu verzichten, jetzt auch auf konventionelle Waffen auszudehnen, weil der Westen seinerzeit behauptet hatte, er könne wegen der konventionellen Überlegenheit des Ostens auf nukleare Waffen nicht verzichten.

Nun würde man meinen, daß alle Regierungen des Westens gespannt aufgemerkt hätten und herauszufinden versuchten, ob Andropow im Ernst bereit ist, solchen Vorschlägen Taten folgen zu lassen. Zunächst geschah jedoch nichts dergleichen. Alle Reaktionen der westlichen Metropolen klangen gleichermaßen gelangweilt. Sie sprachen von déjà-vu oder von Propaganda-Offensive und Public Relations-Tricks.

Präsident Reagan, so berichtete die International Herald Tribune in der vorigen Woche, habe auf Moskaus erste Andeutung, man könne doch ein Gipfeltreffen ins Auge fassen, nur gesagt: "So what?" Und der Sprecher des Weißen Hauses erklärte, die Regierung sähe "nichts Neues" in Andropows Vorschlag, der als unacceptable – unannehmbar – bewertet wurde. Der Kommentar des englischen Außenministers Francis Pym lautete ebenfalls resigniert: "Wir hatten auch früher schon Nichtangriffspakte und Gewaltverzichte, und trotzdem gab es Kriege." Präsident Mitterrand schließlich forderte die Russen auf, ihre "Träumereien einzustellen", und fügte hinzu, er werde ganz gewiß keine einzige Rakete abbauen.