Von René Drommert

Sechs Filme werden, nicht einmal ganz leichtfertig, als russische "Ballettfilme" angekündigt – so als sei es ganz eindeutig, was das eigentlich ist: "Ballettfilm".

In Wirklichkeit gibt es in diesen Filmen (die das Hamburger Kommunale Kino "Metropolis" noch bis zum 16. Januar zeigt) erhebliche Unterschiede der Intention und des Stils. Es gibt zwar etwas Wichtiges, das allen sechs Filmen gemeinsam ist. In allen wirken, gleichgültig ob und in welchem Sinne sie dominieren, Tänzer und Tänzerinnen, die nach der strengen Tradition des Balletts ausgebildet sind – eines Balletts, das man auch das System der fünf Positionen nennt, obwohl es in der Geschichte dieser Tanzkunst seit der Renaissance auch Abweichungen bis zu acht Positionen gegeben hat.

Es tanzen Mitglieder des Leningrader Opern- und Ballett-Theaters des Namens Kirow und Tänzer des "Balletts des Großen Akademischen Theaters der UdSSR", Sitz Moskau (bei uns, dem schlechten amerikanischen Beispiel folgend, falsch "Bolschoi-Ballett" genannt).

Die Tradition dieses Tanzstils ist zunächst verblüffend und einzigartig auf der Welt: durch Konstanz und Unbeirrbarkeit, blendende und doch begrenzte Meisterschaft. Während wir bei uns im Westen, zum Beispiel bei Balanchine, Béjart, Neumeier, früher auch Cranko, so etwas wie Entwicklung und Avantgarde von Dekade zu Dekade oder von Jahrfünft zu Jahrfünft erwarten, wird uns in Rußland heute noch der "Schwanensee" in einer Choreographie vorgesetzt, die vor allem den Namen Petipa trägt. Petipa war ein Südfranzose, der schon im Jahre 1847 nach Sankt Petersburg kam und dort fast bis zum Ersten Weltkrieg die italienisch-französische Tradition klug und phantasievoll hütete.

Wir sehen in den Filmen "Romeo und Julia" (Musik von Prokofiew) und "Schwanensee" blendende individuelle tänzerische Leistungen, nicht nur etwa der Galina Ulanowa, die heute "nur" noch als Tanzpädagogin tätig ist, der Maja Plissezkaja, des Jury Schdanow und zahlloser anderer. Der Tanz auf der Spitze (der anfangs kein Charakteristikum des Balletts war, der zunächst fehlte), das Battement (Schlagen des Spielbeins), der Entrechat (Sprung aus dem Plie in die Höhe, die Füße werden gekreuzt aneinander geschlagen), Fouette en tournant (Drehung des Standbeins), Grand jete (das Bein wird im .Sprung hinausgeworfen), die Pirouette (volle Drehung des auf einem Bein stehenden Körpers), nicht zuletzt der "Ballon" (kein strenger schulmäßiger Begriff, vor allem die Aufwärtsbewegung aus dem Oberkörper charakterisierend) – alles wird meisterlich beherrscht.

Eines der Hauptgesetze des Balletts: Schönheit. Davon darf nie abgewichen werden. Wenn zum Beispiel Romeo unterhalb der dekorativ aufgebahrten, vermeintlich toten Julia auf den Stufen diagonal nach unten hingestreckt ist: Ästhetik bis hinein in die vom Leben verlassenen Fingerspitzen, ähnlich schön wie bei Plastiken von Canova oder Thorwaldsen.