In einer typischen und sehr verdienstvollen deutschen Sprachlehre heißt es: Es ist selbstverständlich, daß den deutschen Ausdrücken (nämlich in der Grammatik) überall der Vorrang vor den früher üblichen lateinischen gebührt.

Das eben glaube ich nicht. Das klingt (bei dem gleichen Sprachlehrer) dann so: "Mit Bezug auf den Satzgegenstand darf das Aussagehauptwort nur im Werfall stehen... Hier liegt etwas Ähnliches wie ein Aussagehauptwort vor, und dieser Satzteil steht auch beim Mittelwort stets im Werfall."

Handelte es sich nicht um sein Thema Sprachlehre, dann fände, ich weiß es, der gleiche Autor solche Wortbildungen und Satzfügungen schauderhaft.

Nur wenige Fachausdrücke (für Termini) der Sprachlehre (für Grammatik) sind so glücklich übersetzt worden wie die der Post (Briefumschlag für Couvert) und der Bahn (Rückfahrkarte für Retourbillett), wenige sind daher in die Allgemeinsprache eingegangen wie Hauptwort (für Substantiv), Eigenschaftswort (für Adjektiv), Einzahl (für Singular), Mehrzahl (für Plural), Gegenwart (für Präsens) und Satzaussage (für Prädikat).

Andere sind schon als Wortbildungen schlimm. Mit Recht würde uns kein Philologe ein "Ihreswort" oder ein "Deinemding" durchgehen lassen; nicht weniger lächerlich klingen Werfall (für Nominativ), Wesfall (für Genetiv), Wemfall (für Dativ) und Wenfall (für Akkusativ) dem Unvoreingenommenen. Und wie schlimm fänden unsere deutschen Sprachlehrer, mit Recht, eine Wortbildung wie "bezüglich", wie sehr verwahren sie sich, mit Recht, gegen so etwas wie "Ihre bezügliche Stellungnahme". Aber auf dem eigenen Fachgebiet wollen sie nicht nur "bezügliche Fürwörter" (für Relativpronomen) gutheißen, sondern sogar "rückbezügliche" (für Reflexivpronomen). Auch "Mehrstufe" (für Komparativ) und "Meiststufe" (für Superlativ) sind . keine glücklichen Wortschöpfungen.

Schlimmer ist, daß die Verdeutschungen den Wörtern und Formen Funktionen zuweisen, die sie gar nicht immer erfüllen können. Warum ist "ich werde beglückt" eine Leideform (für Passiv)? Wieso ist "faulenzen" ein Tätigkeitswort (für Verb)? "Ohne mich!" Mit welchem Recht heißt dieses "ohne", das mich von allen Verhältnissen befreien soll, "Verhältniswort" (statt Präposition)? Und ob man das Perfekt "Vorgegenwart" nennt oder "vollendete Vergangenheit" ist gleich irreführend. Mißverständnisse sind die Folge, wenn der Konjunktiv "Möglichkeitsform" genannt wird. Wenn er sagt, er sei krank, dann ist diese Krankheit wohl doch mehr als möglich. Und hilft es uns, in einer Frage wie "Besteht der Mond aus grünem Käse?" das "besteht" als Wirklichkeitsform (für Indikativ) bezeichnet zu finden?

Die lateinischen Ausdrücke sind, wenn auch nicht selbstverständlich, so dennoch vorzuziehen: