In Bonn wird am Jahreswirtschaftsbericht 1983 gefeilt. Ein Hauch Optimismus liegt über der zene. Die Experten des Wirtschaftsministeriums haben einige "Frühindikatoren" entdeckt, die darauf hindeuten, daß der langersehnte wirtschaftliche Frühling im Herbst dieses Jahres ausbrechen könnte.

Es sind aber allenfalls einige sehr zarte Knospen, die eine solche Entwicklung erahnen lassen: Eine Nachfragebelebung in der Industrie im vergangenen November sowie ein etwas lebhafteres inländisches und ausländisches Interesse an Konsumgütern. Unter dem Strich wird aber auch bei dieser optimistischen Einschätzung für 1983 nicht mehr herauskommen als ein "Null-Wachstum". Und selbst dies hört sich immer noch besser an, als es in Wirklichkeit ist. Denn 1982 ist die gesamtwirtschaftliche Leistung um 1,2 Prozent geschrumpft. Im Jahr zuvor hatte das Bruttosozialprodukt um 0,2 Prozent abgenommen.

Das bedeutet ganz schlicht und einfach: Selbst wenn die kühnsten Erwartungen des Bundeswirtschaftsministeriums in Erfüllung gehen und die Wirtschaftsmaschinerie im Herbst wieder etwas schneller laufen sollte, wird die gesamtwirtschaftliche Leistung und damit wohl auch das Volkseinkommen immer noch um rund 1,4 Prozent niedriger sein als 1980. Wirklich tolle Aussichten.

Da macht es sich dann besonders gut, wenn nicht nur SPD-Politiker die Unternehmer und Konsumenten noch zusätzlich mit allerlei unausgereiften Plänen verunsichern, sondern auch noch profilierungssüchtige Unions-Wahlkämpfer das Publikum mit dem Ruf nach weiteren Steuererhöhungen schrecken. Während Arbeitsminister Norbert Blüm die Unternehmer zaust, weil sie immer noch nicht investieren, obwohl es die neue Regierung doch so gut mit ihnen meine, muß das Gerede über Vermögensabgaben und höhere Spitzensteuersätze den ohnehin bestehenden Verdacht der Investoren bestätigen, daß es sich nicht mehr lohnt, Risiken einzugehen. Wenn es schief geht, wird man allein gelassen wie der Pionier-Unternehmer Willy Korf (siehe Seite 17). Wenn es gut geht, dann kommt der große Bruder und kassiert ab.

Es ist durchaus einer ernsthaften Debatte wert, ob es politisch tragbar und sozial gerecht ist, nur soziale Leistungen zu kürzen und Steuern – wie die auf den Mehrwert – zu erhöhen, die vorwiegend breite Schichten der Bevölkerung treffen. Die soziale Ausgewogenheit und die Rücksicht auf den inneren Frieden erfordern es eigentlich, auch den besser Verdienenden oder mit einem ansehnlichen Vermögen gesegneten Gruppen vergleichbare Lasten aufzubürden.

Aber wollen wir soziale Ausgewogenheit, oder wollen wir die Wirtschaft wieder in Ordnung bringen – also in erster Linie einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindern? Wenn überzeugend nachgewiesen werden kann, daß anders die Krise ernsthaft nicht zu überwinden ist, dann muß eben dieser schwere Weg eingeschlagen werden; dann muß auch soziale Unausgewogenheit für eine gewisse Zeit geduldet werden. Die schlimmste soziale Ungerechtigkeit ist nämlich der jahrelange Ausschluß von Millionen Menschen aus dem Arbeitsprozeß.

Ausgewogenheit ist im übrigen immer nur eine Methode, um den status quo zu erhalten. Doch genau dies will wohl niemand bei über zwei Millionen Arbeitslosen. Wer dynamische Prozesse in Gang setzen will, braucht Ungleichgewichte – im sozialen Bereich ebenso wie in der Physik. Das darf allerdings nicht heißen, daß diese Ungleichgewichte immer nur zu Lasten der einen Seite gehen müssen. Michael Jungblut