Von Bodo Fründt

Ein Wachtraum: Die lange Nacht neigt sich dem Morgen zu. Der Kriminalschriftsteller Dashiell Hammett hämmert die letzten Zeilen seiner jüngsten Kurzgeschichte vom hartgesottenen, aber unbestechlichen Detektiv und der verführerisch-betrügerischen Lady in seine alte Underwood-Schreibmaschine. Eine letzte Zigarette, ein letzter Schluck aus der fast geleerten Whiskeyflasche. Ende. Dann zwingt ein böser Hustenanfall den tuberkulösen schmalen Mann mit dem frühzeitig ergrauten Haar ins Bad des schäbigen Apartments in San Francisco. Als er wieder zu sich kommt, hat es sich im Sessel seines Arbeitszimmers der Protagonist seiner Story gemütlich gemacht. Der Detektiv Jimmy Ryan schwenkt das eben beendete Manuskript, dem er entsprungen zu sein scheint.

Kein Wachtraum: Die irritierende Szene löst sich schnell auf. Nicht eine Phantasiegestalt ist da lebendig geworden, sondern eine reale Person hat der Phantasie des Schriftstellers Pate gestanden. Dashiell Hammett (1894-1961), der neben Raymond Chandler bedeutendste amerikanische Kriminalschriftsteller ("Der Malteser Falke", "Der dünne Mann"), war acht Jahre lang Privatdetektiv, bevor er sich als Autor versuchte. Sein Handwerk brachte ihm zu jener Zeit bei der Detektivagentur Pinkerton ein gewisser Jimmy Wright bei.

In Wim Wenders’ Spielfilm "Hammett", der nach einer Romanvorlage des Kriminalautors Joe Gores sorfältig recherchierte Fakten mit purer Phantasie verknüpft, mokiert sich Jimmy erst ein wenig darüber, daß er und seine Fähigkeiten von seinem Zögling zu Literatur verarbeitet werden. Dann kommt er zur Sache. Bei Hammett mahnt er einen vor langer Zeit versprochenen Freundschaftsdienst an. Der Schriftsteller soll noch einmal zurückkehren in die Welt des realen Verbrechens und bei der Suche nach einem verschwundenen Chinesenmädchen helfen.

In der verschlungenen siebenjährigen Produktionsgeschichte des Projekts "Hammett" arbeiteten unter der Aufsicht des Produzenten Francis Coppola mindestens fünf Autoren am Drehbuch – der Löwenanteil scheint letztlich von einem dritten prominenten Kriminalschriftsteller, dem Amerikaner Ross Thomas, zu stammen. Wim Wenders, den deutschen Autorenfilmer, mußte an dem Krimi-Plot zwangsläufig eines interessieren: Wie reagiert ein Künstler, der seine Phantasie aus der Wirklichkeit nährt, wenn die plötzlich, eher unangenehm und störend, wieder in seine Phantasie einbricht?

Da mag es dem Film-Hammett nicht viel anders ergehen als dem Regisseur Wenders. Aus einem funkelnden Traum kann plötzlich mühseliger, trüber Alltag werden. Jimmy Ryan bleibt nicht auf ewig der bewunderte Lehrmeister, so wenig wie Hollywood der magische Ort aller Kinoträume. Doch Hammett und Wenders bleiben sich treu. So wie der deutsche Regisseur allen Widrigkeiten zum Trotz "Hammett" beendete, ohne sich selber preiszugeben, so will Hammett im Film zu Ryan stehen.

Das kriminalistische Verwirrspiel kann beginnen. Und das hat dann doch wieder alle Qualitäten eines Traums. Bilder aus der Kinoerinnerung tauchen auf, folgen der Logik sich mal beschleunigender, mal verlangsamender nächtlicher Assoziationen: Im filmischen Chinatown San Franciscos des Jahres 1928 öffnen sich plötzlich magische Türen.