Ich muß mit dem Ende beginnen: Als ich des Nikolaus Kopernikus „Über die Kreisbewegungen der Weltkörper“ aus der Hand legte, da hatte ich fast körperlich-schmerzhaft begriffen, was mir bis dahin nur eine elegante Sentenz gewesen war: Ein jeder Blick in die Werke der großen Naturforscher vor unserer Zeit bewahrt uns vor der Hybris, wir seien den Rätseln dieser Welt näher gekommen. Bestenfalls wissen wir etwas mehr als sie, doch gescheiter sind wir bestimmt nicht geworden.

Bis zum 16. Jahrhundert wußte ein jeder Gebildete (und jeder Ungebildete hörte es in der Kirche), daß die Erde der Mittelpunkt des Weltalls sei. Das war so fraglos wie viele heutige Hypothesen, bei denen es den Zeitgenossen auch schon gar nicht mehr bewußt wird, daß sie nur Hypothesen sind – bis dann einer wie Kopernikus kommt, der alles ganz anders ansieht, der die Erde um die Sonne kreisen läßt statt umgekehrt, und der sogar beweisen kann, daß wir alle bis dahin nur gläubige Blinde gewesen sind.

Fast stirnrunzelnd wird heute berichtet, wie es Jahrhunderte gedauert habe, bis sich das heliozentrische Weltbild von der Sonne als dem Mittelpunkt der Planeten-Laufbahnen durchgesetzt habe. Doch sind wir klüger? Wer hat heute wirklich schon begriffen, daß die Zeit eine physikalische Größe ist? Die Allerwenigsten, und dabei ist das seit Jahrzehnten bekannt. Also sollten wir uns das Lächeln verkneifen über die Menschen, die im 16. Jahrhundert nicht eimal den genial-einfachen Satz aus dem ersten Buch des großen Werkes verstanden. Ich meine jenen Satz, der ebenso in einer Arbeit von Albert Einstein hätte stehen können: „Jede Ortsveränderung, welche vorgenommen wird, rührt von einer Bewegung entweder des beobachteten Gegenstandes, oder des Beobachters, oder von, natürlich verschiedenen, Bewegungen beider her.“

Das ist die Ur-Frage nach dem Standpunkt, von dem aus eine Sache betrachtet wird, jene peinliche Ur-Frage, die alles relativieren kann und ohne die kein ehrliches Denken möglich ist.

Auch wenn es heute nur noch ganz wenige Altphilologen geben dürfte, die den lateinischen Urtext samt all den vielen längst vergessenen Wörtern mühelos lesen können, so macht doch das Wenige, was im Urtext sofort zu entziffern ist, ein außerordentliches Vergnügen. Des ostpreußischen Domherrn Kopernikus Lebenswerk (oder besser, das astronomische Werk, das vom Leben dieses so überaus tätigen Mediziners, Juristen, Theologen und Kirchenpolitikers übrig geblieben ist), könnte von einem Buchkünstler gemalt worden sein. Der Satzspiegel sitzt nahezu im goldenen Schnitt, viele Zeichnungen sind so säuberlich in den Text eingeschlossen, daß die kräftigen Buchstaben diese von vielen Winkeln besetzten Kreise geradezu umfließen. Der diese Schrift in ihre endgültige Form gebracht hatte, war mit sich im reinen, dieser Mensch wußte, daß all seine Entwürfe, Beobachtungen und Rechnungen aufgingen.

Kopernikus ist sich völlig klar darüber gewesen, daß er alle Vorstellungen von der Welt auf den Kopf stellte. Gerade deshalb hat er sich auch so viel Zeit gelassen mit der Veröffentlichung. Mit 68 Jahren erst, im Sommer des Jahres 1541, hat er die Erlaubnis zum Druck gegeben, knapp zwei Jahre später ist er gestorben. Gewiß kannten viele mathematisch gebildeten Freunde damals das Werk bereits in großen Zügen, denn die Gelehrtenrepublik war noch klein und konnte sich alles Neue schnell zuschreiben. Doch stimmten die Vorstellungen seiner Zeit so vollkommen mit dem von Aristoteles aufgestellten Kugelschalenmodell der um die Erde kreisenden Sterne zusammen, daß Kopernikus viele Jahre lang zögerte, recht haben zu wollen mit seinen grundlegenden Veränderungen des ebenso ergänzungsbedürftigen wie großartig geschlossenen Weltbild des Aristoteles, das von Ptolemäus mathematisch so glanzvoll unterbaut worden war.

Was heute beim Lesen der Übersetzung anrührt, ist einmal die Selbstverständlichkeit, mit der hier Himmelsbeobachtungen zitiert werden, die damals ein jeder machte, die aber uns Stubenhockern, denen jede Straßenlaterne den Blick auf den gestirnten Himmel verstellt, erst durch ein mühsames Hineindenken in die Sternenbahnen deutlich werden. Wenn Kopernikus sagt: „Was aber ist schöner als der Himmel, welcher je alles Schöne enthält?“ Dann müssen wir uns erst mühsam an diesen Himmel erinnern, und manchem mag da nur die Sterntafel in seinem Atlas einfallen. Die Astronomie war für Kopernikus der Ausdruck des Göttlichen schlechthin, und wenn er die Himmelskenntnisse der Menschheit erweiterte, dann war das ein Gottesdienst für ihn – zumal da er ja vielfaltig beweisen konnte, daß selbst die Darstellungen des Ptolemäus in vielem falsch waren, „weil noch einige andere Bewegungen aufgefunden sind, welche ihm noch unbekannt waren“.