Der berechtigte Vorwurf des Deutschen Anwaltvereins, in der Bundesrepublik werde zu viel und zu schnell verhaftet, hat wenig öffentliche Beachtung gefunden. Er ist alarmierend, weil die Praxis der Untersuchungshaft in einem Lande den genauesten Gradmesser für dessen Rechtsstaatlichkeit liefert.

Wenn nahezu die Hälfte aller im Jahre 1980 Verhafteten am Ende lediglich zu Geldstrafen oder zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt wurde und bei immerhin zehn Prozent der Verurteilten die Untersuchungshaft ebenso lang oder länger dauerte als der später verhängte Freiheitsentzug, dann deutet dies darauf hin, daß in bundesdeutschen Ermittlungsverfahren eher Kriegsrecht denn Haftrecht angewendet wird: Im Zweifel gegen den Beschuldigten. Die Nürnberger Massenverhaftung vom vergangenen Jahr wirkt da nur mehr als besonders Krasses Symptom eines desolaten Allgemeinzustandes.

Als der Gesetzgeber vor fast zwanzig Jahren die pauschalen Haft-Tatbestände aus dem Bismarckschen Obrigkeitsstaat reformiert hatte, schrieb der große Strafverteidiger Hans Dahs ahnungsvoll: "Freilich wird wesentlicher als der Gesetzeswortlaut der Geist seiner Anwendung sein." Um diesen Geist ist es noch immer schlecht bestellt. H. Sch.