Während sich die USA in einer tiefen wirtschaftlichen Rezession befinden, herrscht an den amerikanischen Börsen Hausse-Stimmung. Die Aktienkurse erreichen inzwischen einen historischen Höchststand.

In den USA hat die Arbeitslosigkeit den höchsten Stand seit 42 Jahren erreicht. In einigen Städten sind Notküchen eingerichtet worden, um den Hungernden über den Winter zu helfen. Die Produktionskapazität der Industrie in den USA ist zu weniger als 70 Prozent ausgelastet.

Wenn vor diesem düsteren Hintergrund gleichzeitig an den Börsen der USA Hausse-Stimmung herrscht und der Dow Jones-Index, immer noch gebräuchlichster Gradmesser für amerikanische Aktien, ständig neue Rekordhöhen erreicht, werten Befürworter der Wirtschaftspolitik von Präsident Reagan dies als sicheres Zeichen dafür, daß der Wiederaufschwung nun unmittelbar bevorsteht. Seine Gegner empfinden die Vorgänge an den Börsen als Provokation und sagen für die nächste Zeit schon den großen Katzenjammer voraus.

Sicher ist, daß in den USA – übrigens wie auch in der Bundesrepublik – Anzeichen für eine wirtschaftliche Wiederbelebung bestenfalls unter der Lupe sichtbar werden – in der Bauwirtschaft und in der Automobilindustrie. Gleichwohl rechnet die amerikanische Regierung für 1983 mit einem Anstieg des Bruttosozialproduktes um 1,4 Prozent. Danach sollen es dann Jahr für Jahr vier Prozent werden.

Die Börsianer, nicht nur die in den USA, lechzen nach solchen Prognosen. Denn sie wissen zu genau, daß die gegenwärtige Aktien-Hausse nur dann Bestand haben kann, wenn sie "fundamental" untermauert wird, das heißt, wenn die wirtschaftlichen Daten Aussicht auf höhere Unternehmensgewinne eröffnen.

Den bisherigen Aufschwung verdanken die amerikanischen Aktien den seit dem 12. August in den USA sinkenden Zinsen. Damals begann die amerikanische Notenbank ihren restriktiven Kurs zu lockern. Sie konnte es, weil dank ihrer harten Politik die Inflationsrate in den USA, die Ende Dezember 1979 noch 13,3 Prozent betragen hatte, auf nunmehr weniger als fünf Prozent gesunken war. Allem Anschein nach ist die Notenbank zu weiteren Zinssenkungen bereit, solange dadurch die unter hohen Opfern erkaufte Stabilität nicht in Gefahr gerät. Der amerikanische Aktienmarkt kann daher von der Zinspolitik noch weitere Anregungen erwarten;

Das ermutigte in den vergangenen Tagen die Verwalter großer Vermögen, weiteres Geld zum Aktienkauf einzusetzen. Es dürfte zu einem großen Teil aus Zinszahlungen und Tilgungen festverzinslicher Papiere stammen. Die größeren Gewinnchancen werden in diesem Jahr eben in den Aktien vermutet. Auch in dieser Beziehung gibt es Parallelen zum deutschen Kapitalmarkt: Immer mehr Leute sind bereit, 1983 zum "Jahr der Aktie" auszurufen.