Von Dieter Buhl

Washington, im Januar

Die Schalmeientöne der amerikanischen Administration kamen Hans-Jochen Vogel zu Gehör, als er Washington längst verlassen hatte und sich bereits zur Reise nach Moskau anschickte, Hätte Präsident Reagan einen Tag früher die verständnisvollen Worte für die sowjetischen Abrüstungsvorschläge gefunden, hätte er am vergangenen Freitag statt am Samstag seine Absicht bekundet, Vizepräsident Bush auf eine Reise des guten Willens nach Europa zu schicken, dann wäre der sozialdemokratische Kanzlerkandidat womöglich mit einem ganz anderen Eindruck von der US-Regierung heimgekehrt. So aber müßte er sich über die Hartherzigkeit derjenigen wundern, die zwar "auch möglichst wenige Raketen aufstellen wollen", aber bei den Unterredungen immer nur kurz von der globalen Gefahr, dafür um so länger über technische Details sprachen.

Daß der Gefühlspegel beim Thema Friedensbedrohung drüben weniger stark ausschlägt als hierzulande, war eine der nachhaltigsten Erkenntnisse, die der Sozialdemokrat von Amerika nach Hause brachte. Reagieren die amerikanischen Politiker weniger sensibel auf die atomare Bedrohung? Fehlt dem Land, das während des Bürgerkrieges vor über hundert Jahren zum letztenmal einen Konflikt auf eigenem Boden erlebte, die Vorstellungskraft für das mögliche Desaster? Oder führt die deutsche Öffentlichkeit, zumal die Sozialdemokratische Partei, die Rüstungsdebatte mit zuviel Gefühl? Solche Fragen hinderten Vogel nicht daran, den mitgebrachten Emotionen Ausdruck zu verleihen. Unbeeindruckt von der Gelassenheit seiner Gesprächspartner, verkündete er vielmehr immer wieder seine Botschaft "von der Sorge in unserem Land und quer durch die Nationen, daß der Rüstungswettlauf zur Katastrophe werden kann".

Der sonst eher für seine Nüchternheit bekannte Politiker gab sich in Washington als Anwalt der Verängstigten und Besorgten. Für den Antrittsbesuch des sozialdemokratischen Spitzenkandidaten hätte sich gewiß eine dankbarere Aufgabe denken lassen. Zumal, da sein Gegenspieler Helmut Kohl dort erst vor zwei Monaten Zuneigung als Charmeur und Optimist gewonnen hatte. Aber dem Sozialdemokraten blieb wohl gar keine andere Wahl. Schließlich ist seine Partei im Wahlkampf dabei, sich an die Spitze der Friedensbewegung zu setzen. Da konnte auch er nicht umhin, die Sicherheitspolitik zur entscheidenden Probe des deutsch-amerikanischen Verhältnisses zu erklären.

Als Tester der amerikanischen Friedensfähigkeit erwies Vogel seine bekannten Qualitäten: Er hatte sich gründlich in die ihm unbekannte Materie der Rüstungskontrollpolitik eingearbeitet. Er argumentierte vorsichtig, aber mit der Stringenz des gelernten Juristen. Und er zeigte gesundes Selbstbewußtsein, indem er sich mit dem Wagemut eines Stukafliegers auf die englische Sprache stürzte, um seine Gedanken, öffentlich wie hinter verschlossenen Türen, auf direktem Wege an den Mann zu bringen.

Diese Ansprache ohne lästige Umschweife imponierte den ungeduldigen Amerikanern. Die Fragen des Gastes behagten ihnen weniger. Denn nach Kompromißvorstellungen oder Rückfallpositionen befragt zu werden, während die Genfer Verhandlungen laufen, zeugte nach amerikanischer Meinung von wenig diplomatischem Feingefühl. Die Antworten bereiteten zudem einer Regierung Schwierigkeiten, die in der Abrüstungspolitik noch zu keiner einheitlichen Linie gefunden hat. Selbst bei seinem kurzen Aufenthalt in der US-Bundeshauptstadt wurde Vogel Zeuge der politischen Widersprüchlichkeiten. (Siehe auch Seite 7.) Der Präsident deutete eine mögliche Streckung der von ihm für die nächsten fünf Jahre projektierten Verteidigungsausgaben an. Gleichzeitig drohte er damit, seine Verhandlungsstrategie für die Rüstungskontrollverhandlungen neu zu überdenken, wenn der Kongreß nicht dem Bau der MX-Rakete zustimme. Zur selben Zeit machte auch der Chef der Abrüstungsbehörde seinem Ärger Luft. Er beschwerte sich über die Schwierigkeiten, einen Kurs finden zu müssen zwischen denen, die Abrüstung um jeden Preis, und denen, die überhaupt kein Abkommen wollen.