Von Gerd Helbig

Im "Al Hamrah" spielt "Deer Hunter", jene grausig-stimmige Abrechnung mit dem Vietnam-Krieg. Während der furchtbarsten Szene des Films: zwei amerikanische Soldaten werden vom Vietcong zum Russischen Roulette gezwungen und schießen sich überraschend den Weg frei – bricht frenetischer Jubel im Kino aus. Warum packt die Libanesen bei diesen unvorstellbar brutalen Bildern nicht das kalte Entsetzen? Warum erstarren sie nicht in Schweigen? Vor mir verfolgen zwei etwa 10jährige mit größtem Vergnügen das blutige Drama. Sind die Libanesen, seit Jahren selber Opfer des politischen Mordens, gefühllos geworden? Sehen sie nicht in ein Spiegelbild?

In dieser Stadt des Krieges und Mordens wäre etwas wie die europäische Friedensbewegung undenkbar. Seit langem geht die Behauptung um, die Libanesen hätten die Schnauze voll. Das mag für die meisten gelten, aber in diesem Land gibt es keinen Konsensus zum Frieden. Die Gruppen, Clans und Familien haben nichts begriffen. Anstatt die Chance zu nutzen – der Einmarsch der Israelis hatte plötzlich eine verdutzte Ruhe im Lande geschaffen –, fielen sie nach einer Pause wieder übereinander her. In Tripoli bringen sie sich um, Moslems gegen Moslems, und in den Bergen Drusen gegen Christen – in jedem Falle Libanesen gegen Libanesen. Schuld hat wie immer das Ausland: Israelis, Syrer, Kommunisten. Daran ist einiges wahr, nur, es erschießen sich Libanesen gegenseitig.

Und Beirut? Liegt mitten drin in dem brodelnden Durcheinander, erstmals eine Insel. Die Stadt bleibt ein Phänomen. Wenn man in ihr lebt, glaubt man aus einem Traum aufgewacht oder in einen gesunken zu sein.

Wo sind sie nur alle geblieben? Die Milizen! Diese waffenstarrenden Bärtigen in Phantasieuniformen, die sich die Viertel aufteilten, die Bevölkerung schikanierten. Und stets eine gewisse Rate an Toten aufrecht erhielten, damit die Angst blieb. Am Ende haben sie uns nichts getan über die Jahre, aber ihre Unberechenbarkeit, ihr völlig ungeschälter Umgang mit den Waffen war der Quell latenter Furcht.

Uns, für die das wilde Waffentragen in den Straßen so vollkommen unverständlich war, bedrückte und empörte wohl am meisten die Demütigung, die einem jeder Rowdy mit der Waffe zufügte – oft ohne es zu wissen, ohne etwas anderes zu tun, als einem den Lauf eines Gewehres vor die Nase zu halten.

West-Beirut lebt, als sei ein Spuk verschwunden – und könne nie wiederkommen. Dabei lebt die Stadt von der Gnade der italienischen, französischen und amerikanischen Friedenstruppen. Sie sollte beten, daß sie lange bleiben, Jahre am besten. Der eigenen Polizei, der eigenen Armee sollten sie lange nicht trauen. Sie sind noch schwach.