Hamburg

In der Bürgerschaft ist nach fünf Monaten quirligen Treibens wieder Ruhe eingekehrt. Es herrschen nach der Wahl vom 4. Advent die herkömmlichen Hamburger Verhältnisse. Was heißt: Die Sozialdemokraten brauchen sich um eine Mehrheit nicht zu scheren, sie haben sie. Die CDU sitzt wie eh und je auf verlorenem Posten; der liberale Mr. Nobody, alias Professor Brunnstein, hockt auf der Galerie und greint. Die Zuschauerreihen sind gelichtet, und die Journalisten haben ihre Präsenz wieder auf das Notwendigste beschränkt.

Wie war das an jenem Mittwoch im Juni noch aufregend gewesen! Mit neun Abgeordneten war die Grüne Alternative Liste ins Parlament eingezogen und bildete das Zünglein an der Waage. Das Kameraaufgebot war, als der HSV sich die Meisterwürde erspielte, nicht geringer gewesen. Als zum erstenmal der Fraktionsvorsitzende Ebermann an jenem Tag das Wort ergriff, herrsche gespannte Ruhe in der Bürgerschaft. Mit einer Mischung aus Neugierde, Unsicherheit und Arroganz hörten ihm die etablierten Abgeordneten zu. Sie atmeten hörbar auf, als er ganz ruhig seine ersten sachlichen Anmerkungen zum imperativen Mandat beendete.

Auch an den folgenden Sitzungstagen, jeweils an einem Mittwoch, war das Hamburger Parlament, zum erstenmal seit langer, langer Zeit, ein Quell erfrischender Debattenoeiträge, und viele der nun zahlreichen Zuschauer und Journalisten genossen die Sprache der neun GAL-Vertreter, die auf Leerformeln verzichteten und Politik auf einmal wieder spannend machten.

Thomas Ebermann war der absolute Star dieser Bürgerschaft. Er sprach frei, war direkt, polemisch und manchmal provozierend, fast immer witzig: "Stellen Sie sich einmal vor, bloß weil Herr Kiep heute gegen die Geschäftsordnung hier ein Glas Selterwasser trinkt, sagen wir: Wer die Form ablehnt, will die Demokratie abschaffen."

Die Grünen ließen keinen Tagesordnungspunkt aus, zu jedem hatten sie etwas zu sagen. Wer heute die Protokolle der Debatten nachliest, staunt, was sich da an Wissen, unorthodoxen Fragestellungen und nimmermüder Hartnäckigkeit offenbarte. Thomas Ebermann mag geahnt haben, was schon bald passieren könnte, als er während der Debatte über Neuwahlen sagte: "Die absolute Mehrheit (der SPD) wäre gar der Rückfall in Bequemlichkeit und Hamburger Filz."

Voilà! Der Rückfall ist da. Die Grün-Alternativen sind zwar auch wieder ins Parlament eingezogen, aber auf sie zu hören, ist nun niemand mehr gezwungen. H. K.