Von Elke Heidenreich

Mehrmals täglich sagen uns ARD und ZDF, wie das Wetter wo wird und warum, und ennoch: Ich bin nicht zufrieden. Es ist mir zu lieblos! Sonst verwöhnen sie mich mit Shows, Gesang und Tanz, mit Quiz und Neckerei, und hier soll ich mit Satellitenbildern vorliebnehmen? Ganz schlimm ist es im Ersten Programm: Da starre ich auf ESO Meteosat 2 und verstehe nichts, obwohl unsichtbare Stimmen mich beschwören: "Das Satellitenbild zeigt, daß..." Was? Ich sehe nie die ausgedehnten Wolkenfelder, die auf der Südseite des Tiefs bei Jütland kalte Meeresluft ansaugen, ich sehe keine Warmluftfront, und ich verstehe nicht, wie eine Niederung Höchsttemperaturen haben kann. Das ARD-Wetter rauscht an mir vorbei, ohne daß ich am Ende wüßte, woher der Wind weht.

Beim ZDF ist es schon besser, da erzählt der Nachrichtensprecher zunächst, wie das Wetter heute war – ein Sonderservice für alle, die in Chefetagen und Dienstwagen, Großraumbüros, Intercitys und Tropfsteinhöhlen den Tag zugebracht und nichts vom Wetter mitgekriegt haben. Dann verraten Herr Cunze oder Herr Wesp, Herr Walch, Herr Cappel oder Frau Dr. Karla Wege, wie es morgen wird, und sie tun dies vor Tätlichen, die Deutschland in drei(!) Teile teilen und sich drehen können, ohne daß sich je jemand die Finger dabei klemmt. Sie haben alle Wetter studiert und sind Dipl. Met., sie erklären alles so, daß ich es mir gut vorstellen kann, denn sie zeigen daß daß oben Norden ist, unten Süden, zeigen Osten und links Westen, und wenn dann der Osten von West nach Ost weht, ist der dann klar. Sie nehmen alle starken Anteil am Wetter, machen frohe Gesichter, wenn es gut, betrübte, wenn es schlecht wird. Bei Sturmböen wird Herr Cappel ganz aufgeregt und zeigt mir mit fahrigen Bewegungen, wo es tost, und Herr Cunze gibt gar ehrlich zu: "Heute ist die Vorhersage verhältnismäßig einfach" – wann hört man im Fernsehen so viel Bescheidenheit! Zum Samstagswetter trägt Herr Wesp den dunkelblauen Anzug und die Fliege, er spricht gewählter ab sonst. "Wir müssen nun", sagt er, "unser Augenmerk aber auf jenes Tiefdruckgebiet richten."

Doch niemand kann es so wie Elmar Gunsch am Donnerstag nach dem Heute-Journal. Er ist der Peter Alexander des Wetters. Da sitzt er im Rollkragen mit rupfigem Linnenjackett, ein Sträußchen Forsythien neben sich, die Stimme wie eine Wärmeplatte vor sich hertragend, mit den Händen auf dem Tisch gleichsam Klavier spielend, die Tastatur des Wetters. Er blickt mir in die Augen und sagt: "Ich kann von Wolken in Hülle und Fülle berichten"; er reimt "Sturm" auf "Turm" und fleht mich an, morgen den Regenschirm nicht zu vergessen. Hintersinnig sagt er: "östlicher Exportartikel Nummer eins ist die Kälte", und ich denke: Donnerwetter. Dann erklärt er, wie geschickt der Russe das macht – erst sendet er uns seine Kälte und dann sein teures Erdgas, damit wir es warm haben, Philosophie am Abend, erquickend und labend.

Und dennoch: Ich bin nicht zufrieden. Eine Angelegenheit wie das Wetter, ein Thema für Millionen, verdiente eine andere Präsentation. Wo sind die sonst so beliebten Ratespiele? Das rätselhafte Wetter als Quiz mit Thoelke, das Jubelwetter mit Rosenthal, das gesungene Wetter mit Heino und den Fischerchören, der Wettersketch mit Ilja Richter? Warum liest Elizabeth Teissier nicht zu Richard Claydermans Klavierträumereien den Biorhythmus von morgen vor, warum nimmt Frank Elstner nicht Wetten an auf das Wetter von übermorgen, dem Gewinner winken wertvolle Preise? Wo ist die Talkshow zum Wetter, warum werden nicht die Zuschauer an einer Wettersendung beteiligt, um ihr schönstes Wettererlebnis zu erzählen? Es könnte den Wetterrückblick geben: Großmutter erzählt, wie es vor fünfzig Jahren war, die Korrespondenten aus aller Welt schalten sich zu und berichten über Schnee in Samarkand und die Mandelblüte in Tokio. Und die Politiker: Die CDU plädiert für gutes Wetter, die SPD verspricht frische Winde, die Grünen lassen es segensreich auf die Landwirtschaft regnen, die FDP hält offen.

Die schönsten Frauen, die begnadetsten Entertainer, die begabtesten Schauspieler sind gerade gut genug für eine so wichtige Sache wie das Wetter, es könnte eine Sendung für die ganze Familie werden, heute mit Thomas Gottschalk und morgen mit Inge Meisel – warum sehen die Intendanten nicht, welche Möglichkeiten hier liegen? Muß erst wieder das kommerzielle Fernsehen drohen, bis etwas geschieht? Wenn das Wetter erstmal aus dem Maggi-Kochstudio kommt, dann ist es zu spät, dann ist die Schlacht verloren/ums Tief bei den Azoren, guten Abend.