Bei letzter Durchsicht der Neujahrskarten (auf dem Weg in den Papierkorb) fällt auf: Anders als die Westdeutschen wünschen die Freunde aus der DDR außer dem üblichen glücklichen und gesunden auch ein friedliches Jahr 1983.

Dieser Friedenswunsch wird immer wieder beharrlich bekräftigt, nicht nur im Sinne der Propaganda von den SED-Genossen und nicht nur im Sinne des Evangeliums von den Christen. Die Angst vor dem Krieg scheint allen gemeinsam. Vielleicht weil die Menschen in der DDR länger als wir im Westen an den Folgen des letzten Krieges zu tragen hatten. Sicherlich aber auch, weil jeder weiß, wie sehr schon ein erneutes Aufflackern eines nur Kalten Krieges die allgemeine Situation im Lande verschlechtern könnte. Und damit ist nicht nur der Lebensstandard gemeint. Die Erinnerung an die Zeiten des Kalten Krieges sind noch lebendig.

Sensibler als bei uns werden alle Anzeichen einer Beeinträchtigung der Ost-West-Entspannung registriert. So zum Beispiel ist die teilweise heftig ablehnende Haltung vieler DDR-Bürger gegenüber der polnischen Solidarność zu verstehen – sie sahen darin eine mögliche Gefahr für die mühsam errungene Entspannung. Mit Sorge wurde Breschnjews Nachfolger erwartet; Breschnjew glaubte man zumindest seinen Friedenswillen – der letzte Krieg war ihm immer eine Wunde geblieben. Als Andropow seine ersten Abrüstungsversuche machte und die Adressaten sie sofort als indiskutabel abtaten, waren die DDR-Bürger enttäuscht. Sie fanden die westliche Haltung arrogant, wenigstens prüfen sollte man seine Vorschläge.

Das bedeutet nicht, daß sie so naiv seien zu glauben, der große Bruder sei ein weißes Schaf in Sachen Abrüstung, als fürchteten sie die sowjetischen Raketen weniger als die amerikanischen. Mehr als wir befürchten sie von jeder Eintrübung der politischen Großwetterlage direkte, nachteilige Folgen für ihren persönlichen Alltag. Marlies Menge