O wie täte es dem hessischen Ministerpräsidenten gut, vor dem Frühstück, nach dem Fernsehabend und womöglich während der Haushaltsdebatte ein Gedicht von Karl Krolow zu lesen, seine zarten, ambivalenten Metaphern zu deuten und in sein Leben hineinzunehmen...

Ludwig Hang: „Ein Himmel wie das Wasser Xenophons – Lobrede auf Karl Krolow“, zur Verleihung des „Hessischen Kulturpreises“ in Wiesbaden.

Spanien: Wechsel auch in der Kultur

Ungewohntes geschieht im spanischen Kulturbetrieb. Der neue Minister Javier Solana besuchte gleich nach seiner Ernennung den Nobelpreisträger Vicente Aleixandre und in Malaga den bald neunzigjährigen Lyriker Jorge Guillén. Auch seine ersten Amtshandlungen stimmen optimistisch: Er ernannte Jaime Salinas zum Direktor des Buches, der Archive und Bibliotheken und Pilar Miró zur Direktorin des Films. Der 56jährige Sohn des Lyrikers Pedro Salinas verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen als Verleger. Nach der Rückkehr aus dem nordamerikanischen Exil 1956 arbeitete er im Verlag Seix/Barral in Barcelona. Er organisierte den internationalen Verlegerpreis „Formentor“ und den berühmtesten Literaturpreis spanischsprachiger Literatur, „Biblioteca Breve“. Mitte der sechziger Jahre gründete er in Madrid den ersten Taschenbuchverlag, Alianza, der nur Bücher von Qualität druckt. Seit 1976 leitete er den anspruchsvollen literarischen Verlag Alfaguara. Das Ziel, das er sich für die Arbeit im Ministerium gesteckt hat, ist die Gründung öffentlicher Bibliotheken. Bislang steht Spanien am untersten Ende der Skala innerhalb Europas: Es gibt weniger als 200 Bibliothekare. Pilar Miró, 41 Jahre alt, hat mehrere Filme gedreht und ist besonders durch das „Verbrechen von Cuenca“ berühmt geworden. Sie will vor allem junge Filmemacher unterstützen, das verkrustete Verleihsystem ändern, die Einnahmen der Kinokassen prüfen und anregen, daß Fernsehproduktionen mit Filmen gekoppelt werden. Letzte Meldung vom Anfang dieser Woche: König Juan Carlos hat dem großen Filmregisseur Luis Buñuel den höchsten spanischen Zivilorden verliehen, das „Großkreuz Isabel la Catolica“.

Die Kunst des Urteils

Im Jahre 1977 wurde Frank Lloyd, der Inhaber der renommierten Londoner Marlborough Galerie (mit Dependancen in New York, Zürich, Rom und, zeitweise, auf einem Luxusliner), von einem amerikanischen Gericht wegen Veruntreuung des Nachlasses des Malers Mark Rothko angeklagt. Lloyd und seinen Mit-Nachlaß-Verwaltern wurde nachgewiesen, daß sie, um andere Geschäfte zu befördern, die Bilder von Rothko, der 1970 Selbstmord beging und dessen Arbeiten auf dem Kunstmarkt Höchstpreise erzielen, unter Marktwert verkauften. Lloyd, der die USA nach dieser Anklage nicht mehr betreten hatte, stellte sich jetzt freiwillig der amerikanischen Justiz. Richter Herbert Altman vom Oberlandesgericht in New York stellte fest, daß Lloyd als Gefängnisinsasse (mit einer Verurteilung von bis zu vier Jahren wurde gerechnet) niemandem etwas nütze, und verurteilte ihn zu folgendem: Gründung einer Stiftung für angehende Künstler, Schaffung eines Kunstprogramms für Studenten in seiner Galerie und Erlaß der Eintrittsgebühren für Kunststudenten. Schade, daß so sinnvolle Rechtsprechung so selten gebräuchlich und möglich ist.

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