Der Krieg des Regimes in der DDR gegen die Friedensbewegung in der DDR geht weiter. Einem Aufruf der kirchlichen „Jungen Gemeinde“ in Jena folgend versammelten sich am Heiligen Abend an der Jenaer Friedenskirche etwa 200 Menschen, um schweigend für den Frieden zu demonstrieren. Verhaftungen und Verhöre waren die Folge. Der Schriftsteller Jürgen Fuchs, 1977 aus der DDR nach Westberlin übergesiedelt, veröffentlichte dieser Tage in der tageszeitung einen Offenen Brief an die englische Friedensbewegung. Fuchs bittet die englischen Freunde darum, die Vorgänge in Jena zur Kenntnis zu nehmen und die Friedensbewegung in der DDR zu unterstützen. In seinem Brief zitiert er einen Augenzeugenbericht aus Jena:

„Wir hatten vierzehn Tage vor Weihnachten in der Jungen Gemeinde darüber gesprochen, daß es gut sein könnte, am Heiligabend nicht nur Geschenke auszutauschen und vom ‚Fest des Friedens und der Familie‘ zu sprechen, sondern etwas zu tun. Wir wollten öffentlich zeigen, daß wir für wirklichen Frieden ohne Waffen sind. (...) Auf dem „Zentralen Platz‘ in der Nähe der Friedenskirche wollten wir uns um 14 Uhr treffen zu einer Gedenkminute. Ganz still, ohne Plakate und Flugblätter, die sind ja ohnehin verboten. (...) Viele Freunde wurden Tage vorher von der Staatssicherheit verhört, am 18. und 19. ging das los. Ihnen wurde gedroht, sie sollten sich ja nicht in die Innenstadt wagen am Heiligabend. Gegen einige wurden Verfahren eröffnet. (...) In den Betrieben, bei Schott, Zeiss und Jenapharm, gab es Versammlungen, auf denen vor ‚Umtrieben‘ gewarnt wurde. Heiligabend ab früh um sieben Uhr kontrollierten Streifen die Bahnhöfe und Zufahrtsstraßen. Junge Leute, die ‚so aussahen‘, wurden zurückgeschickt oder, wenn sie sich weigerten, festgenommen und ,verwahrt’ bis in die Abendstunden. Hunderte, vor allem Zivile, waren im Einsatz. (...) Der Superintendent war beim Rat der Stadt und wollte vermitteln. Er riet den Behörden, mit uns zu sprechen, es wäre eine gute Gelegenheit. Er wurde empört abgewiesen: ‚Mit Gesetzesbrechern reden wir nicht!‘“

Der Krieg des Regimes in der DDR gegen Künstler und Schriftsteller geht weiter. Im Juli wurde der Bildhauer Michael Blumhagen verhaftet. Seit Dezember lebt er in Westberlin. Sein Haus in Graitschen bei Jena wurde abgerissen, seine Plastiken liegen unter den Trümmern. Hunderte von Postkarten, auf denen die Ruine abgebildet ist, kursieren in der DDR. Schon vorher hatten Freunde durch solche Aktionen auf den Fall Blumhagen aufmerksam gemacht. Sie mußten es büßen. Der Photograph Manfred Hildebrandt und der Transportarbeiter Roland Jahn wurden im September festgenommen und sitzen seitdem in Haft. Jahn wird völlig isoliert gehalten, da er sich weigert, eine Ausreise zu beantragen. Dies berichtet die tageszeitung.

Einer jener Künstler, die immer wieder wegen ihres Engagements in der Friedensbewegung und wegen abweichenden Denkens Schwierigkeiten bekommen, ist der Schriftsteller Lutz Rathenow, Jahrgang 1952. In seinem jüngsten, nur in der Bundesrepublik erschienenen Gedichtband „Zangengeburt“ finden sich die Zeilen: „Ein Partisan: wir zogen uns vor den Faschisten in / die Wälder zurück, manchmal gingen wir Pilze suchen / Und beim nächsten? Guerilla / werden. Ausziehen und zwischen / Atompilzen die Wälder suchen.“ Die folgenden, erstmals veröffentlichten Prosatexte las Rathenow anläßlich der „Friedenswerkstatt“, die im Juni in Ost-Berlin stattfand.