In der Berliner Kunsthalle wird in der Ausstellung „Wege zur Diktatur“ die Kunst mal wieder gnadenlos zur Strecke gebracht

Fragen stellen, Probleme aufdröseln, Historie in ihrer Vielschichtigkeit darlegen: das halten die Berliner Kunsthalle und die Neue Gesellschaft für bildende Kunst vermutlich für bourgeoises Teufelszeug. Sie nennen ihre Ausstellung zum 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme zwar „Wege zur Diktatur“ (und einzelne Katalogbeiträge gehen auch auf die Komplexität der damaligen Situation ein); doch die Schau selbst präsentiert Geschichte in seltener Eingleisigkeit. Drei Thesen werden vor allem vertreten: eine Volksfront aus SPD und KPD hätte Hitler verhindern können; ohne Unterstützung der Großindustrie wären die Nazis nicht an die Macht gekommen; und alles war vorauszusehen seit der Ernennung des Hitler-Intimus Frick zum thüringischen Innenminister. Daß totalitäre Tendenzen international verbreitet waren, daß die Machtübernahme nicht allein Folge des Versagens der linken Parteien war, nicht nur von ein paar Dunkelmännern besorgt wurde, sondern sich auf die überwältigende Mehrheit des Volkes stützen konnte: das alles wird nicht gezeigt.

Engeres Thema ist die Zeit vom „Preußenschlag“, dem Staatsstreich gegen die preußische Regierung am 20. Juli 1932, bis zur Auflösung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933. Diese kurze Zeitspanne wird minuziös geschildert – und dabei gerät Geschichte schnell zum rasanten Abenteuerfilm mit klar verteilten Rollen, mit leuchtenden Helden und schwarzen Schurken. Zu vieles spielt sich auf der Panoptikumsebene ab: Schaufensterpuppen mit SA- und SS-Uniformen stehen herum, eine leere Kneipe symbolisiert „Naziterror“ und „Antifaschismus“ vor ’33, eine müde Replik von Chaplins „Großem Diktator“ mit Weltkugel, Spiegel zum Einüben von Posen (samt Großpnotos von Hitler eben das vollziehend) und ein Konzertflügel mit Naziflagge illustrieren das bürgerliche Ambiente gegenüber dem proletarischen. Riesenphotos von KZ-Toten werden ebenso bedenkenlos wie geschmacklos in die seltsamsten Zusammenhänge gebracht, Leichenberge den Stinnes, Hindenburg, Krupp mit ihren feinen Häusern und Autos gegenübergestellt. Wer so argumentiert, will nicht aufklären, der sucht nach Sündenböcken und stellt denunzierende Kausalketten her. Und die Faszination durch die Macht liegt durchaus auch auf Seiten der Veranstalter: die Erzählungen des Kunsthallendirektors Dieter Ruckhaberle über die Auflösung des alten, betulichen Berliner Kunstvereins, über den entschlossenen Zugriff auf die Mitgliederkartei, die den schnellen Aufbau der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst ermöglichte, erinnert milde an seinen ausführlichen Bericht über den konsequent verfolgten Weg der Nazis von der Übernahme des preußischen Innenministeriums, das Herrschaft über Polizei und Zentralkarteien sicherte, bis zur totalen Staatsgewalt.

Der Besucher ist dem allen ziemlich hilflos ausgeliefert: pausenlos bombardiert mit Photos, Texten, Dokumenten (das gesamte, 24 Druckseiten umfassende Ermächtigungsgesetz klebt auf Phototafeln an der Wand!), hat er keine Zeit zum Atemholen und Nachdenken. Beständig unter moralischen Druck gesetzt, unaufhörlich mit Schuldzuweisungen konfrontiert, zur Schuldübernahme aufgefordert, schleicht er nur noch mit gesenktem Kopf durch die Hallen – wahrlich nicht die besten Voraussetzungen für selbständiges Denken und Handeln, die Grundlagen funktionierender Demokratie.

Nun findet das alles in einer Kunsthalle statt, und man fragt sich, warum das eigentlich keine Kunstausstellung geworden ist? Kunst bleibt illustratives Beiwerk und wird, wie so oft schon an diesem Platz, gnadenlos zur Strecke gebracht. Welches Kunstverständnis steckt dahinter, wenn jemand völlig undialektisch Gemälde – damalige und heutige vermischt! – neben monumental aufgeblähte Zufallsphotos hängt und so die Ebenen nationalsozialistischer Wirklichkeit mit deren Reflexion im Kunstwerk durcheinanderbringt! Welche erschütternde Gedankenlosigkeit zeigt sich da, wenn zwischen dem einen Paar von Hakenkreuzfahnen ein Henkerstrick hängt, zwischen dem nächsten eine engagierte Skulptur steht! Wem politische Aussagen und politische Macht wichtiger sind als das Kunstwerk in seiner historischen Einmaligkeit, der sollte die Konsequenz ziehen und sich endgültig in der (Kultur-)Politik niederlassen.

Ernst Busche