Paul Breitner, der eigenwilligste unter den deutschen Fußballprofis, plant das Ende seiner Karriere

Bonn ohne Wehner, Bayern ohne Breitner – das Jahr 1983 kostet uns ein paar Charakterköpfe. Mißt man die öffentliche Aufmerksamkeit, die den Rücktrittsannoncen zuteil wurde, an den aufgewendeten Zeitungsdruckzeilen, dann steht es, alles in allem, 1:0 für den Spielmacher von München gegen den Ausputzer von Bonn. Aus höherer Einsicht in die Bedeutung der Dinge mag man das bedauern, es hilft aber nichts: Die in den kurzen Hosen sind eben doch die populäreren Volksvertreter.

Paul Breitner ist daran nicht schuld. Ihm, gerade ihm, kann man nicht vorwerfen, daß er es jemals darauf angelegt hätte, Fußball-Papas Liebling zu sein. Im Gegenteil: Zeit seiner Karriere, deren spielerischen Teil er nun zum Ablauf dieser Bundesligasaison im Juni beenden will, hat er, weiß Schuster, viel Mühe darauf verwendet, sich unbeliebt zu machen.

Als er mit siebzehn sein erstes Jugendländerspiel bestritt, trug er, zum Ärger der Funktionäre, das Haar schon so lang wie heute. Seit damals hat er sich kein Zurechtstutzen mehr gefallen lassen, es sei denn gegen Honorar. Die drohgebärdige Löwenmähne wurde zum Markenzeichen eines jungen Mannes, der anders war als alle, die bis dahin im deutschen Fußball eine Rolle gespielt hatten, eigenwilliger, eigensinniger, selbstbewußter, vorlauter. Ein Bürgerschreck unter all den lieben Jungs. Frech genug, sich einfach den Ball zu greifen, wenn ein wichtiger Strafstoß zu verwandeln war; frech genug auch, auf Reporterfragen nach seiner Lieblingslektüre zu antworten: "Die Mao-Bibel."

Ein schickes Image flog ihm da zu: Der "rote Paul", der linke Verteidiger aus Freilassing, der Maoist, der Marxist. Paul Breitner spielte mit diesem Image, eine treffende Charakterisierung seiner Person war es nie. Häme begleitete ihn, als er nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 sein Talent im Lande Francos versilberte, weil man in diesem "Scheißverein" Bayern München nicht mal richtig feiern könne. Sechs Jahre später kam er zurück zu diesem Verein und wurde dort der große Zampano. Er kehrte auch zurück in die Nationalelf, obwohl er mehrfach glaubwürdig und mit allen Zeichen des Abscheus versichert hatte, daß die für ihn "endgültig gestorben" sei.

"Endgültig" war nicht alles, was Paul Breitner im Laufe seiner Laufbahn sagte und beschloß. Das sieht er selbst auch so, und Widersprüchliches erscheint ihm dabei durchaus plausibel. Breitner-Worte aus dem Jahre 1979: "Auch wenn ich damals gesagt habe, nie wieder, dann waren das Sprüche, die zu ihrer Zeit volle Gültigkeit hatten. Nur bin ich ein Typ, der jederzeit bereit ist, alte Fehler einzugestehen, und der sich dann auch die Freiheit nimmt, seine Meinung zu ändern."

Paul Breitner nahm sich die Freiheit und kultivierte sein Image irgendwo zwischen "Vaterlandsverräter" und "Vaterlandsverteidiger", war Prototyp und Antityp eines deutschen Fußballprofis zugleich. Als eine Art Beelzebub im Mittelfeld rebellierte er gegen Konventionen auf dem Spielfeld und außerhalb, legte sich mit Kollegen, Schiedsrichtern, Funktionären und Journalisten an. Dabei hat er den Typ Breitner geschickt vermarktet, die Person dahinter aber bedeckt gehalten. So kam er seinen Fans nie wirklich nahe, war nicht der Liebling der Leute auf den Stehtraversen, kein Held, kein Idol.