Sammler, richtige Sammler, sind nicht „Menschen wie du und ich“: Der Entdeckertrieb und der Vollständigkeitswahn, die sie in ihre immerwährende Jagd auf die geliebten Objekte treiben, bringen sie auf seltsame Wege und Abwege. Manchmal freilich bringt diese Leidenschaft auch Ansehen und Gewinn. Bei George Costakis zum Beispiel war das so, dem im zaristischen Rußland geborenen Sohn einer armen griechischen Familie, der neben seiner Tätigkeit als kleiner Angestellter der kanadischen Botschaft ab 1944 eine Sammlung der Kunst der russischen und sowjetischen Avantgarde zusammengebracht hat, die umfassend genug war, um stellvertretend für eines der aufregendsten Kapitel moderner Kunstgeschichte zu stehen. Aber die Geschichte dieser Sammlung ist eine im Praeteritum: Costakis, der seine griechische Staatsangehörigkeit nie aufgegeben hatte, geriet in Moskau in Schwierigkeiten, als man auf dem Umweg über westliche Besucher auf ihn und seine Schätze aufmerksam wurde. Einbruch und Diebstahl kamen hinzu; und so verließ er 1977 die UdSSR, wobei er, das war der Preis für die Emigration, der Tretjakow-Galerie über 40 Bilder und ungezählte Zeichnungen hinterließ. Die (Rest-)Sammlung Costakis, die 1978 in Düsseldorf und 1981 in New York zu Teilen gezeigt wurde, ist aber – immer noch so üppig und reich, daß der großformatige Bildband, in dem sie auf 527 Seiten vorgestellt wird, 1171 Abbildungen enthält. Der Band, eine krönende Ergänzung der Pionierarbeit von Camilla Gray („Das große Experiment“) sowie der Kataloge der Kölner Galerie Gmurzynska und der Pariser Ausstellung „Paris – Moskau“, ist ein Standardwerk und eine „Histoire humaine“ zugleich. Denn hier ist nicht nur alles fein kunsthistorisch sortiert und kommentiert (von der Herausgeberin Angelica Zander-Rudenstine und dem Vorwortschreiber Frederick Starr), auch Costakis selber berichtet, wie er vom Zufallskäufer zum passionierten Sammler wurde, zum Entdecker auch der damals noch weniger bekannten Namen (wie zum Beispiel Iwan Kljun, von dem der Katalog allein 212 Nummern enthält), zum Retter oft von Arbeiten, die vergessen, versteckt, halb zerstört waren. Ohne Costakis wäre die singuläre Tat der russischen Avantgarde auch heute noch jene „terra incognita“, als die man sie in dem Lande ihrer Entstehung, wo sie heute noch weitgehend unter Verschluß ist, am liebsten belassen hätte („Russische Avantgarde Kunst – Die Sammlung Costakis“, aus dem Amerikanischen von Miriam Magall; DuMont Verlag, Köln; 572 S., 632 Fang- und 596 Schwarzweiß-Abb., 198,– DM).