Beobachtungen einer Nachbarschaft

Von Ernst Weisenfeld

Bei einem deutsch-französischen Kolloquium ging es jüngst um Geschichtsauffassung und Generationsfrage, und das eigentliche Ergebnis war ein doppelter Kontrast; Einmal zwischen der älteren deutschen Generation und einem Dutzend deutscher Gymnasiasten, die jedes Bedürfnis nach Identifikation durch Geschichte, oft sogar den Nutzen geschichtlicher Studien überhaupt leugneten. Dann zwischen diesem deutschen Disput und den anwesenden Franzosen, die ihn durchweg stumm verfolgten. Sie hatten selber auch Veränderungen in ihrem Verhältnis zur Geschichte vermeldet – aber doch nicht solch radikale Infrage-Stellungen. Später, im privaten Gespräch, empfanden sie diesen Gegensatz als eine typische „querelle d’Allemand“, einen sinnlos vom Zaun gebrochenen Streit. Sie können verstehen, daß man sich über den Sinn einzelner geschichtlicher Vorgänge streitet. Aber ein Streit, ob Geschichtsbetrachtung überhaupt einen Sinn habe – er erscheint ihnen wie sinnloses Geschwätz.

Einige Wochen später ging es in einem anderen Kreis um Staat und Wirtschaft und um das außerordentlich hohe französische Handelsdefizit, vor allem mit der Bundesrepublik. Dabei kamen auch die künstlichen Importhemmnisse zur Sprache, zu denen man in Paris greift! und um das Motto: „Kauft französisch!“ Ein hoher Pariser Regierungsbeamter meinte ernsthaft, die Bundesregierung müsse doch einige große deutsche Unternehmen veranlassen können, mehr Zulieferungen aus Frankreich zu beziehen – was auf deutscher Seite mit Entrüstung quittiert wurde. Als man dagegen erfuhr, daß ein deutsches Unternehmen sogar die laufenden Aufträge an französische Firmen gestoppt hatte, nachdem es vom Feldzug zum Kauf französischer Waren erfuhr, da wuchs die Empörung auf französischer Seite: Ob denn dieser läebenjene Feldzug, der im wesentlichen eine kommunistische Angelegenheit sei, irgendeinen Franzosen veranlasse, auf den Kauf eines deutschen Autos zu verzichten? Welcher Franzose lasse sich denn so etwas vorschreiben?

So waren die beiden Unterhaltungen Beispiele für die unterschiedlichen Maßstäbe und Erfahrungen, mit und an denen diesseits und jenseits des Rheins gemessen wird. Sie kommen um so sicherer zum Vorschein, je tiefer irgendein Problem die Gemüter erregt. Deutsch-französische Feiertage wie dieser 20. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysee-Vertrags, rufen da leicht Illusionen und Enttäuschungen hervor. Sie können Nutzen stiften, wenn sich beide Völker bewußt werden, wie verschieden sie sind – auch wenn sie vor den gleichen Herausforderungen stehen und zum Glück diese Gemeinsamkeit des Schicksals immer deutlicher empfinden.

Im politischen Wechselschritt

André François-Poncet, der Deutschland zweimal als Botschafter kennengelernt hatte, pflegte gern ein Wort von Paul Valéry zu zitieren: Die Geschichte habe beiden Völkern oft ein Rendezvous vermittelt, aber immer sei nur eins von beiden zur Stelle gewesen, das andere sei zu früh oder zu spät gekommen. Fast könnte man dies auf die innerpolitischen Fluktuationen anwenden und sehr vereinfachend sagen: Wenn in einem der beiden Länder der Trend nach links geht, dann geht er im anderen nach rechts. Aber damit würde man es sich wohl zu leicht machen; jedenfalls gälte es nicht nur im deutsch-französischen Vergleich.