Von Dietrich Strothmann

Die Lebensgeschichte von Herbert Strauß, Professor für Neuere Geschichte am New Yorker City College, erzählt sich wie von selber; es ist eine einfache und bestürzende Geschichte. So typisch deutsch in jener Zeit, auch so jüdisch: die Geschichte eines Schicksals in schlimmen Tagen.

Herbert Strauß, geboren im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, wuchs in Würzburg auf. Der Vater, ein orthodoxer Jude, dessen Heilbronner Familie sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen läßt, war ein geachteter Werkzeugmaschinenhändler. Die Mutter war Katholikin. In der Klasse des Gymnasiums war Herbert Strauß, seines sportlichen Talents wegen von den Lehrern geachtet, bald der einzige Jude.

Mit den Schikanen, die nach 1933 begannen, wuchs die Angst. Der Vater mußte sein Geschäft schließen, wurde Handelsreisender. 1938 wurde er verhaftet, weil er angeblich die Frau eines „Amtswalters“ beleidigt hatte. Der Sohn, der inzwischen nach Berlin ausgerissen war, wo er für Palästina „Bauer lernen“ wollte, kam nach Würzburg zurück, um seinen Vater in der „Schutzhaft“ im Lager zu besuchen. An jenem Tag brannten die Synagogen, auch in der alten Residenzstadt am Main. Ein ehemaliger Klassenkamerad, den Herbert Strauß vor den Flammen traf, sagte zu ihm: „Herbert, heute seid’s ihr, morgen wir.“

Um seinen Vater zu retten, beschaffte Herbert Strauß für dreihundert Dollar ein bolivianisches Visum. Aber ohne seine Frau wollte der nicht gehen. Das Geld langte nur für einen. Bevor der Vater dann ins Warschauer Getto abgeschoben wurde, sah er seine Familie noch einmal wieder. Er ist später in der Gaskammer von Treblinka umgebracht worden. Aus der Zeit im Warschauer Getto hat Herbert Strauß noch ein Photo seines Vaters. Auf dem Grabstein, den die Mutter später in Würzburg für ihn setzen ließ, ließ er das Wort „umgekommen“ in „ermordet“ ändern. Dort wurde jetzt auch die Urne mit der Asche seiner Mutter bestattet, die 1949 zu ihm nach New York gezogen war.

Herbert Strauß ging damals von Würzburg wieder nach Berlin zurück, trug stolz seinen gelben Stern, ließ sich von Leo Baeck zum Rabbiner ausbilden (bestand mit der Prüfungsarbeit zum Thema: „Was bedeutet es, als Jude zu leben?“), mußte in Steglitz zwangsweise Straßen kehren, konnte aber noch sein Abitur machen und mußte dann untertauchen. Berliner Familien versteckten ihn, darunter ein Malermeister, dessen Sohn bei der SS war und der hinter einem Hitlerbild an der Wand einen Lenin hängen hatte.

Die Freundin, die später seine Frau wurde, stieß zu Herbert Strauß, nachdem ihre Eltern deportiert worden waren. Einmal klopfte die Gestapo an der Tür. Über eine Hintertreppe konnten die beiden entkommen. Erst dann öffnete der Hausmeister die Wohnung. Ein anderes Mal entkam Herbert Strauß seinen Häschern in der Leipziger Straße im letzten Moment.