Von Gunhild Freese

Die Regie klappte vorzüglich: Schon Anfang Dezember hatte der Hamburger Zigarettenkonzern Reemtsma seinem Außendienst eine Urlaubssperre für die Monate Januar und Februar verpaßt – eine Maßnahme, zu der die Branche vor allem dann gern greift, wenn Neueinführungen geplant sind. Und bereits wenige Tage vor Weihnachten hatte Reemtsma-Chef Horst Wiethüchter den Weg gewiesen, auf den er sein Unternehmen führen wollte: Mit dem Vormarsch der Billigzigaretten, so sinnierte der Zigarettenmanager, sei der Branche eine Lektion erteilt worden, aus der sie Konsequenzen ziehen müsse. Seine eigene Lehre verhüllte der Reemtsma-Mann kaum: In der Preislage zwischen den billigen und den etablierten Marken vermisse der Verbraucher alternative, preislich gefächerte Angebote.

Gleichwohl fiel die gesamte Branche am frühen Montag dieser Woche aus allen Wolken, als Reemtsma das ankündigte, "was wir alle nicht glauben wollten". So Norbert Doms, Sprecher des Bremer Zigarettenherstellers Martin Brinkmann. Gleich mit zwei Marken wird Branchenführer Reemtsma die angestammte Politik verlassen und im Billigmarkt mitmischen.

Vom kommenden Montag an wird die West – im Frühjahr 1981 mit beträchtlichem Werbeaufwand, wenn auch ohne nachhaltigen Erfolg eingeführt – die bislang 3,80 Mark pro Packung kostete, um fünfzig Pfennig billiger sein. Zwei Wochen später soll die Reemtsma-Tochtergesellschaft Roth-Händle die Altmarke Juno am Markt beinahe in Vergessenheit geraten, als neue Billigofferte hinterherschicken. Die Neunzehner-Packung Juno soll 3,15 Mark kosten. Beide Marken sollen mit einem werblichen Paukenschlag eingeführt und auch weiterhin unterstützt werden.

Damit reagiert der größte heimische Zigarettendreher auf einen Strukturwandel am Markt, der durch eine dramatische Steuererhöhung zum 1. Juni vergangenen Jahres in Gang gebracht worden ist. Auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen war die sozial-liberale Koalition auf die Tabaksteuer gestoßen. Weitere 1,4 Milliarden Mark, so der Bonner Beschluß, sollten die Raucher in die leere Bundeskasse bringen. Dafür mußte die Tabaksteuer um gleich 39 Prozent angehoben werden. Eine Packung Zigaretten der Konsumpreislage verteuerte sich von drei auf 3,80 Mark – ein Sprung, der mehr Konsumenten vergrämte, als die Bonner Beamten berechnet und mehr, als die Zigarettenbranche befürchtet hatten. Der Absatz der fünf großen Hersteller sackte von knapp 130 Milliarden Stück 1981 auf 107 Milliarden Ende letzten Jahres – ein Minus von rund siebzehn Prozent.

Doch die Kundschaft war keinesfalls abstinent geworden. Statt zur Marlboro und R 6, zur Lord Extra und Ernte 23 griffen sie lieber zu Glimmstengeln, die just seit letzten Sommer zahlreich neu an den Markt gekommen waren: den billigen. Tobacco House No. 7 und Roxy, die Weißen und Spur, Lomita und Imperial heißen die neuen Stars. Statt 3,80 oder gar vier Mark müssen die Konsumenten nur zwischen 2,95 und 3,50 Mark für ein Zigarettenpäckchen zahlen.

Der Lebensmitteleinzelhandel – ohnehin stets im heftigen Wettbewerb miteinander verstrickt – hatte ein neues Betätigungsfeld gefunden. Mit eigenen billigen Zigarettenangeboten soll Kundschaft in die Läden gezogen werden. Anders als beim klassischen Zigarettenanbieter kpmmt es bei den Preisen der billigen Handelsmarken nicht auf Kostendeckung an. "Das" sei so erläutert Klaus Wiegandt, Chef der Filialkette Rewe-Leibbrand, deren Hausmarke Die Weißen zu den erfolgreichsten Billigen gehört, "im Rahmen der Mischkalkulation zu sehen". Was die Kundschaft beim Zigarettenkauf spart, legt sie anderswo doch wieder in die Kassen der Lebensmittelläden.