Der Eklat hat lang gedauert, er war laut, es ging um Biegen oder Brechen. Nun hat den Bruch weder Herbert von Karajan noch das von ihm geleitete Berliner Philharmonische Orchester, auch nicht der Kultursenator Wilhelm Kewenig vermieden oder verhindert, sondern der Intendant der berühmten Institution, Peter Girth – scheinbar. Er hat von einem nach der Verwaltungsordnung ihm vorbehaltenen Recht Gebrauch gemacht und nun mit der Klarinettistin Sabine Meyer aus München einen Vertrag über ein Probejahr abgeschlossen. Es beginnt für die 23jährige Musikerin – die Herbert von Karajan, nicht aber das Orchester engagieren wollte – am 1. September.

Damit hat die Affäre zunächst ein Ende. Es herbeizuführen habe sich der Intendant Girth, wie er bekanntgab, verpflichtet gefühlt, um – im Interesse Berlins – die Interessen des Orchesters zu wahren, das heißt: Karajan zu behalten.

Wolfgang Stresemann, dem stets Frieden stiftenden früheren Intendanten des: Berliner Philharmonischen Orchesters, drängte sich eine meteorologische Metapher auf, als er jene magische Figur, um die sich an der Spree gerade alles zu drehen schien, zu beschreiben versuchte: „Karajan ist wie das Wetter. Beide ein dauerndes Gesprächsthema, ohne daß man an ihnen etwas zu ändern vermag. Beide schwer voraussehbar. Neunzehn Jahre lang hat Stresemann dem wetterwendischen „Chefdirigenten auf Lebenszeit“ loyal zur Seite gestanden. Er weiß, wovon er spricht.

Weiß auch Karajan, der sich so in Schweigen hüllt, was er dem nach eigener Darstellung „besten Orchester der Welt“ voller Groll und Zorn antat? Und dies nach fast drei Jahrzehnte währender fruchtbarer Zusammenarbeit? Hätte auch er nicht eine Menge zu verlieren, wenn es zwischen ihm und seiner legendären Elitetruppe zur endgültigen Trennung käme?

Allzuviel scheint daran nicht zu fehlen. Die Bewunderung für den Dirigenten ist zwar keineswegs erloschen, die Entfremdung zwischen ihm und dem Orchester aber schon so groß geworden, daß die Möglichkeiten zur Entspannung oder gar zur Versöhnung beinahe erschöpft sind. Selbst ältere Orchestermitglieder, die über die Konfrontation besonders traurig sind, möchten die „viel zu lange mit Schweigen ertragenen Demütigungen durch Karajan“ nicht weiter hinnehmen müssen. Der definitive Bruch schwebte ihnen und auch manchen jüngeren Kollegen als beste Lösung vor, weil „menschlich da ohnehin nichts mehr drin ist und die künstlerische Basis immer größeren Schaden nimmt“. So habe es beispielsweise kürzlich viele strahlende Gesichter gegeben, als im Orchester verbreitet wurde, Karajan habe im Österreichischen Rundfunk die Erklärung abgegeben, er werde seinen Berliner Vermag lösen. Es war eine Falschmeldung.

Deshalb würde man den Tatsachen gewiß nicht gerecht, zöge man den reichlich bekanntgewordenen Fall der von Karajan so nachdrücklich favorisierten, vom Orchester indes nach zweimaligem Probespiel abgelehnten Klarinettistin Sabine Meyer als einzige Ursache für die philharmonischen Streitigkeiten in Betracht. Und mit dem Indiz der Frauenfeindlichkeit kommt man der Sache ganz und gar nicht mehr auf die Spur.

Ohne es selber ahnen zu können, hat die 23jährige Musikerin einen Stein ins Rollen gebracht, der verheerende Wirkungen ausübt. Für sie, die keinesfalls gegen den Willen der Philharmoniker aufgenommen werden, aber dennoch für Aushilfen zur Verfügung stehen wollte, wäre die Angelegenheit schnell beigelegt gewesen, zumal da sie fest angestelltes Mitglied im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist. Aber Karajan war zu keinem Kompromiß bereit. Er pochte auf sein Vetorecht, das er sich – angeblich, ohne Wissen des Orchesters – bei der Berufung (1955) vom Senat hatte einräumen lassen.