Von Christian Schmidt-Häuer

Bonn, im Januar

Wie Buster Keaton den Stummfilm, so hat Andrej Gromyko die Nachkriegsepochen und die sowjetische Außenpolitik begleitet: mit Leichenbittermiene, die Mundwinkel nach unten verzogen, den Oberkörper leicht verkrampft, als ließe ihn ein tiefgefrorener Erfahrungsschatz frösteln. Doch in dieser Januarwoche lernte die Bundesregierung, die den hohen Besuch aus Moskau heimlich gewünscht und am Ende ganz unheimlich gefürchtet hatte, einen völlig anderen Gromyko kennen. Aufgeräumt und gutgelaunt, werbend und wohlwollend-staatsmännisch gab sich der dienstälteste Außenminister der Welt bei fast allen Begegnungen und Gesprächen. Freigiebig verteilte er Bonmots nach allen Seiten. Strahlend erklärte er mir am Montagabend auf Hans-Dietrich Genschers Empfang in der Godesberger Redoute: „Ob all diese Gespräche weiterführen? Wissen Sie, da gibt es ein russisches Bauern-Sprichwort: Die Küken zählt man im Herbst!“

Was aber hatte die Kreml-Führung ausgebrütet für diese erste hohe Visite im Westen seit Andropows Machtantritt? Den Unionsparteien und ihren publizistischen Hilfstruppen schwante das Schlimmste. Gromyko werde wie schon Andropow „die wahlkämpfende Sozialdemokratie“ gegen die USA, die Bündnisbeschlüsse und die Regierung Kohl in Stellung bringen. Dem Wahlkämpfer Helmut Kohl, der den Jahresbeginn politisch verschlafen hatte, war der Schreck über Vogels geschickte Premiere auf der Weltbühne und dessen langes Gespräch mit Andropow so in die Glieder gefahren, daß die Regierung Verrat und Weltuntergang beschwor – schon fast nach den Rezepten, mit denen die Union einst die Ostverträge bekämpft hatte. Wieder wurden vertrauliche Papiere veröffentlicht (die Berichte des Moskauer Botschafters Meyer-Landrut, den Vogel vertrauensvoll zu Anaropow mitgenommen hatte) bis Dienstagabend blieb unbekannt, ob Genschers Ministerium oder das Bundeskanzleramt die Telegramme an die Welt lanciert hat. Meyer-Landrut erklärte im Gespräch bei Genschers Empfang peinlich berührt: „Dabei hat sich Vogel in Moskau vor den Sowjets weniger verbeugt als andere Politiker.“

Doch Andrej Gromyko kannte, seit er am Sonntag den Fuß auf den Boden der Bundesrepublik gesetzt hatte, keine Parteien mehr – er kannte nur noch gute deutsche Nachbarn. Besonders sorgfältig vermied er es, irgendwo gegen die CDU/CSU Position zu beziehen, mit der die sowjetische Führung ja auch nach dem 6. März rechnen muß. Mit viel Einfühlung in die Psyche der Deutschen bemühte sich der alte Fuchs vielmehr um den Eindruck, daß der Kreml erhaben über den Niederungen des Wahlkampfs schwebt, daß es Moskau angesichts der ungeklärten internationalen Lage vielmehr darum geht, aller Welt zu zeigen, wie beispielhaft die Beziehungen zwischen Russen und allen Deutschen sind.

Und das ließ sich die CDU nicht entgehen: Auch sie vor der Wahl noch als Friedenspartei geadelt – halb zog es sie da, halb sank sie hin. „Werbend“ habe der sowjetische Außenminister die Bundesregierung abzutasten versucht, so verlautete wohlwollend aus Helmut Kohls Umgebung, nachdem der Kanzler den Gast am Dienstagvormittag empfangen hatte. Ohne Druck und Drohungen habe Gromyko zu testen versucht, wie stark die neue Regierung zu Bündnis und Genfer Verhandlungen stehe; ruhig und gelassen habe er sie zu überzeugen versucht.

Über die große Pressekonferenz vom Dienstagmittag konnte die Bundesregierung ähnlich erleichtert sein. Was hatte sie nicht alles befürchtet: Zuckerbrot und Peitsche, Drohungen und Lockungen, offene Ermunterung für die Friedensbewegung und versteckte Wahlgeschenke für die SPD. Und in der Tat hatte Andrej Gromyko frühere Pressekonferenzen gerne zu Paukenschlägen benutzt. 1977 zerbrach er in Moskau vor der Weltpresse demonstrativ Bleistifte im gespielten Zorn über Präsident Carters zu weitgehende Abrüstungsvorschläge. 1979 trommelte er in Bonn an gleicher Stelle, es werde keine Verhandlungen über Mittelstrecken-Raketen geben.