Von Lothar Rühl

Der Umgang mit den Mächtigen und die Betrachtung der politischen Verhältnisse hat Gerd Schmückle offenkundig stets fasziniert. Dieser Berührungsdrang, dem Spiel mit dem Feuer ähnlich, teilt sich in seiner sachte gestimmten Erzählung aufregender Ereignisse und Begegnungen, einem feingesponnenen Gewebe von Erinnerungen, Nachempfindungen und sorgsam überdachten Urteilen über Gewesenes und Erdachtes, als Leitmotiv mit. Ein kontemplativer Charakter, musisch veranlagt und für das Spiel um des Reizes und der Pose willen begabt, begabt auch für die Intrige und die Inszenierung der eigenen Auftritte, hat seinen Weg durch eine rauhe, aber auch oft pathetische Zeit kunstvoll und distanziert beschrieben:

Gerd Schmückle: „Ohne Pauken und Trompeten“; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1982; 304 S., DM 34,–

Interessant an dieser Beschreibung sind die Mitteilungen über Schmückles Anteil am Aufbau der Bundeswehr, über sein Verhältnis zu den Politikern der Bundesrepublik, vor allem in der Aufbauzeit der Armee von 1956 bis zum Ende der sechziger Jahre. Der Autor zählt zu den umstrittenen Generalen der Bundeswehr. An seiner Person hat sich, ähnlich wie an der des Grafen Baudissin, dem er sich in Anspruch, Wollen und Geist verbunden fühlt, stets der Streit der Meinungen entzündet. Sein Buch gibt Auskunft über die Gründe: Schmückle war in der Armee ein eingefleischter Individualist mit Sinn für Zivilcourage. Das deutsche Militär hat sich mit solchen Offizieren zumeist schwer getan, obwohl es reich mit ihnen gesegnet war. Schmückle, der es in 22 Jahren vom Major bis zum General brachte, ist in seinem eher gespannten, von Rankünen und Schikanen gegen seine Person verminten Verhältnis zur militärischen Hierarchie keine Ausnahme.

In diesem Buch erzählt er, wie er seinen ersten Streit mit Bundesverteidigungsminister Theodor Blank im Militärlager zu Andernach hatte. Der Major Schmückle, noch Soldat auf Probe, der jeden Tag entlassen werden konnte, widersprach seinem Oberbefehlshaber vor den versammelten Offizieren, als Blank die Bildung der ersten Soldatengewerkschaft als Insubordination verbot und den Teilnehmern Sanktionen androhte. Bei dieser Gelegenheit protestierte der damals 39 Jahre alte Schmückle gegen die unerträglichen Zustände in Andernach und wagte es, Kritik am Chaos einer überstürzten und viel zu umfangreich angelegten Truppenaufstellung zu üben.

General a. D. Schmückle gibt solche Szenen mit milder Ironie wieder. Die zahlreichen Malheurs in der zweiten Karriere des Offiziers, die ihn immer wieder, zurückzuwerfen und an den Rand des Geschehens zu drängen drohten, halten den Fluß der Erzählung nicht auf. Sie dienen dazu, das Thema der recht mühsamen und allmählichen Verwandlung der neuen Armee und der an Ungeschicklichkeiten reichen Eingliederung in ein Friedensbündnis mit ehemaligen Kriegsgegnern eindringlich zu machen. Dabei wird deutlich, wie beschwerlich, wie gewagt und gefährlich das Unternehmen Wiederbewaffnung für die Akteure war. Denn der Verteidigungsminister und die militärische Führung mußten alliierten Erwartungen gerecht werden, aber auch die politischen Forderungen der eigenen Regierung berücksichtigen, und sie waren schließlich den Avancen und Offerten der Rüstungsindustrie ausgesetzt.

Theodor Blank, der erste Verteidigungsminister – ein Mann ohne Fortüne, aber selbstbewußt und auch rücksichtslos im Verfolg seiner Ziele, wenig zimperlich im Umgang mit Untergebenen, ungeschickt bei der Vertretung seiner Interessen –, scheiterte an der ihm gestellten Aufgabe, weil Adenauer sich mit dem Versprechen an die Alliierten übernommen hatte und Blank es nicht wagte, ihm die Revision der allzu großen Pläne abzuverlangen. Franz Josef Strauß, dessen Naturtalent und Brachialgewalt Schmückle ebenso beeindruckten wie seine hohe Intelligenz und sein Sinn für das Wesentliche, beherrscht in Schmückles Erinnerung die Szene in der Bonner Ermekeil-Kaserne: Der Bayer widersprach Adenauer und setzte per Rücktrittsdrohung seinen Plan durch, die Truppen zu verkleinern und das Tempo, mit dem die Truppen aufgestellt wurden, zu verlangsamen. Schmückle, für den das Verhältnis zu Frankreich stets Vorrang hatte, schildert auch Strauß’ Balanceakt zwischen Paris und Washington bei der Ausrüstung der Bundeswehr – die zweite große Leistung des ohne Zweifel bedeutendsten Verteidigungsministers der Aufbauzeit.